Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Wirtschaftsgeschichte der Juden
- Date
- 1909-10-01
- Page
- 555 (sequence 5)
- Language
- German
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Wirtschaftsgeschichte der Juden. 555 Gewerbe, die in ganz besonderem Maße von Juden betrieben wurden, waren die Färberei und die Seidenweberei. Als Benjamin von Tudela um die Mitte des 12. Jahrhunderts seine große Reise um die Welt ausführte, fand er in Theben in Griechenland eine große Kolonie jüdischer Seidenzüchter, und als im 13. Jahrhundert Kaiser Friedrich II. in seinem Königreich Sizilien das Färbereimonopol einführte, übertrug er seine Verwaltung an Juden. ' Dann aberbrach tendieKreuzzügeeinenUmschwung. Nun wurden die Juden mehr und mehr zum Handel hingedrängt, und im 12. Jahrhundert sind Jude und Kaufmann fast identische Begriffe. Die Entwicklung schlug dann in den einzelnen Ländern verschiedene Wege ein, in Deutschland und in Frankreich beteiligten sich die Juden in ganz anderer Weise am Handel, als in England. Caro kann aus dieser Zeit interessante Persönlichkeiten schildern. Als Beispiel sei aus England Aron von Linkoln genannt, der erste große jüdische Finanzmann des Mittelalters. Ein Vorgänger jener Juden, die heute Kirchenfenster stiften, rühmt er sich, er habe der Abtei von St. Alban ihre Fenster gebaut und dem Heiligen eine Grabstätte sondergleichen errichtet. Das Schicksal seines Vermögens ist lehrreich. Aron starb kinderlos, und der König zog seinen Nachlaß ein, aber bei der Ueberfahrt über den Kanal versank der größte Teil der Herrlichkeit im Meer. In der Kasse des Fiskus endete manches jüdische Vermögen, das, als sein Besitzer noch lebte, in weiten Kreisen Haß und Neid gegen die Juden erweckt hatte. So wurden die Schüße des Don Joseph Nash des Herzogs von Naxos, schließlich vom Sultan Murad V. konfisziert, so zog Kaiser Rudolf II. die Hinterlassenschaft des großen Wohltäters Mordechai Weisel an sich. Aron von Linkoln ist für die Geschichte verschollen, in alten Urkunden steht sein Name geschrieben, aber weitere Kreise wissen nichts mehr von ihm, während Abarbanel, Chisdai ibn Schaprut und anderen ein dauerndes Gedächtnis gesichert ist. Aron von Linkoln war eben, wie Caro hervorhebt, kein Mäcen gewesen und hatte sich um die Wissenschaft niemals bekümmert. In der Tat, nichts vermag dem Wirken eines Menschen so sehr die Ewigkeit zu verleihen, wie der Anteil, den er an dem Schaffen für eine ewige Idee nimmt.