Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Wirtschaftsgeschichte der Juden
- Date
- 1909-10-01
- Page
- 554 (sequence 4)
- Language
- German
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554 Im deutschen Reich. ' ein interessantes Bild der wirtschaftlichen Verhältnisse einiger Talmudlehrer, und wer mit dem Studium der Gemara sich beschäftigt, wird für eine richtige Würdigung der Wirtschafts- Verhältnisse der talmudischen Epoche viel Anregung bei Caro finden. Wie dem Juden des -Altertums der Ackerbau als die natürliche, wünschenswerte Beschäftigung des Menschen erschien, mag ein talmudisches Wort zeigen, das Caro nicht anfü'hrt. In seiner letzten großen Strafrede verkündet Mose dem Volk: „Dein Leben wird dir immer in ferner Schwebe sein: du wirst nachts und tags in Angst sein und keinen Glauben an dein Leben haben" (V. M. 2867); und diese Drohung sieht der Talmud bei dem Manne verwirklicht, der sein Getreide auf dem Markt kaufen muß, der abhängt von den Schwankungen der Preise und nicht als Bauer auf eigenem Grund und Boden für seinen Bedarf sorgen kann. Und wie in Palästina, so begegnen wir überall in der Welt noch lange jüdischen Bauern. In einer Fülle von deutschen Urkunden des Mittelalters wird Landbesitz von Juden erwähnt. Als Beispiel für eine Menge anderer möge nur ein Zeugnis aus dem 10. Jahrhundert angeführt werden. Unter der Regierung des Kaisers Otto II. (973—983) verkauft der Jude Samuhel sein Gut Schierstedt bei Regensburg mit allem Zubehör an Gehöften, Land, Wiesen, Weiden und Wäldern, bebautem und unbebautem Grund an das Kloster St. Emeran. Neben,der Landwirtschaft finden wir dann eine Fülle anderer Berufe. Das Gewerberecht, das Recht der freien Arbeiter, nimmt im Talmud, besonders im Traktat Baba Mezia, einen breiten Raum ein. Darin zeigt sich die hohe Bedeutung, die dem Arb eiterst ande in talmudischer Zeit zukommt. Im byzantinischen Reich finden wir dann jüdische Reeder und Fischer, Müller und Hirten. Es sind nicht selten merkwürdige Quellen, denen die Kenntnis dieser Verhältnisse entspringt. So berichtet z. B. eine oströmische Heiligengeschichte, wie ein Asket einem jüdischen Glasbläser einen schlimmen Streich spielte. Während der Handwerker arbeitete, habe der Heilige über die fertiggestellten Geräte das Zeichen des Kreuzes gemacht, und daraufhin seien sie zerbrochen. So hören wir also von jüdischen Glasbläsern, und deren Existenz wird uns späterhin noch oft bestätigt.