Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 9 (September 1909)
- Article
- Freistudentenschaft und jüdische Studenten
- Date
- 1909-09-01
- Page
- 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Freistudentenschast und jüdische Studenten. 483 der Kunst u. a., lauter Fragen, mit denen ein Student sich wohl eher beschäftigen sollte, wenn er darauf Anspruch erhebt, im Lebenskampf seiner Nation dereinst die geistige Vorhut zu bilden. Mit dieser Interesse- und Verständnislosigkeit geht Hand in Hand ein eifriger, mit großer Zeitverschwenduug verknüpfter Kultus von allerhand in der Romantik vergangener Tage wurzelnden, heute aber — gelinde gesagt merkwürdig anmutenden Aeußerlichkeiten und Gebräuchen, ein verächtliches Herabsehen aus die Nichtinkorporierten, insbesondere aber auf die Nichtakademiker, die „Proleten", ein Fe stiegen des einzelnen auf eine bestimmte Norm, eine starre traditionelle Gesinnung, welche die doch gerade in diesem. Lebensstadium so notwendige freie geistige Selbstentwicklung in hohem Grade hemmtH. Es muß nun zweifellos anerkannt werden, daß die jüdischen Verbindungen, speziell auch die zur Abwehr des Antisemitismus gegründeten, farbentragenden Korporationen aus einem besseren Niveau stehen. Einmal aus dem i u n e r e n Grunde, weil den jüdischen Kommilitonen der ganze Korporationsbetrieb mit seinen Kneipgelagen usw., seiner ganzen inneren Hohlheit, doch viel zu wesensfremd ist, (selbst, wenn er sich dessen vielleicht gar nicht bewußt wäre!), als daß er ihm völlig anheimfallen könnte; sodann aber auch aus dem äußeren Motiv, weil diese Korporationen durch den an den Hochschulen herrschenden Antisemitismus fortdauernd an eine zwingende Aufgabe — nämlich an dessen Bekämpfung — erinnert werden, eine Aufgabe, die sie in ihrem Sinne, insbesondere durch eine energische Betonung jüdischen Selbstbewußtseins, in anerkennenswerter Weise — wenn auch 'vielleicht hier und da in einem. gewissen, ja kaum zu vermeidenden Nebermaße — durchführen. «Insoweit aber diese Korporationen den besonderen Zweck verfolgen, die — eventuell später beim Abflauen der antisemitischen Bewegung in Frage kommende — Aufnahme jüdischer Studenten in die jetzt „judenl) In den sog. wissenschaftlichen Verbindungen liegen die' Dinge übrigens oft auch nicht viel anders: die wissenschaftliche Tendenz dient vielfach als ein blotzes Aushängeschild urtb Lockmittel, ähnlich wie die klangvollen Wahlsprüche, welche die anderen Korporationen in ihren Wappen führen und in den sog. Keilreden den ideal veranlagten jungen Füchsen vor Augen halten.