Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 9 (September 1909)
- Article
- Freistudentenschaft und jüdische Studenten
- Date
- 1909-09-01
- Page
- 484 (sequence 4)
- Language
- German
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484 Im deutschen Mich. reinen" Korporationen oben geschilderten Typs durch Aufrechterhalten des Zusammenhangs mit jenen Erscheinungsformen und Usancen fördernd vorzubereiten, begehen sie unseres Erachtens — ohne ihre gutgemeinte Absicht je bezweifeln zu wollen — einen Fehler. Wir Freistudenten vertreten eben die Anschauung, daß jener Typus des Korporationsstudenten — die Fliegende Blätter- und Simplizissimusfigur — verschwinden muß, und ein neuer uns bitter not Lut, den zu schaffen wir für unsere Ehrenpflicht halten. Die Grundlage dieser positiven freistudentischen Bewegung bildet in erster Linie das T o l e r an z p ri n zip: Achtung vor jeder ehrlichen Ueberzeugung. Dies zu betätigen, ziehen die freistudentischen Organisationen in ihren Veranstaltungen führende Vertreter der verschiedensten wissenschaftlichen, nationalökonomischen, politischen Richtungen zu Vorträgen heran, damit der junge Akademiker auch die Anschauungen derer, die er als seine Gegner betrachtet, erst einmal gründlich kennen und würdigen lerne. Es ist ein Zeichen von großer Kurzsichtigkeit, wenn man der Freistudentenschaft diese ihre Toleranzbetätigung als Jndifferentismus auslegen will. Gerade dadurch, daß sie den Studenten in den Kamps der Anschauungen stellt, wird sie ihn davor behüten, indifferent zu bleiben; sie betätigt zugleich dadurch ihr Erziehungsprinzip, indem sie ihn veranlaßt, sich mit wichtigen Fragen der Gegenwart zu beschäftigen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Darum verschmäht sie es auch, den jungen Akademiker in einen festgeschlossenen Personenkreis einzuzwängen, dessen uniforme Denkungsart ihn jede geistige Anregung entbehren läßt und des selbständigen Denkens enthebt. Sie bildet vielmehr freie Abteilungen für die verschiedensten künstlerischen, wissenschaftlichen, sportlichen und gesellschaftlichen Zwecke, zu denen jeder kommen kann, wie es ihm gefällt, mit deren Teilnehmern er keine Zwangs- Freundschaft und Duzbrüderschaft halten muß, sondern in denen er die ihm Zusagenden zu näherem Verkehr sich selbst aussucht, in denen er fremde Ansichten kennen lernen und seine eigenen daran messen und bilden kann. — Die Freistubentenschaft sucht sodann, dem hervorstechendsten Zuge unserer Zeit folgend, dem jungen Studenten die Möglichkeit zu sozialer Betätigung zu gewähren, indem sie ihn veranlaßt, die