Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-07-01
- Page
- 429 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 429 wie das in kleinen Orten vielfach, der Fall ist, den Gutsbesitzern dafür 10 Pf. bezahlen zu müssen. Nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch solche Kreise, die weit weniger als judenfreundlich anzusehen sind, sind der Ansicht, daß ohne die vielfach noch von Juden vermittelte Einfuhr ausländischer Lebensmittel, insbesondere fremder Baummnd Feldfrüchte, die Ernährung der minderbemittelten Bevölkerung in Deutschland, die sich leider auch zum Nachteil für die Wehrkraft des Vaterlandes merklich verschlechtert hat, sich noch weit schlimmer, als jetzt gestalten könnte. Wie wenig die hochgestellten Gegner der Erbschaftssteuer daran denken, die Gesundung der R e i ch s fi n a n z en durch Zurücksetzung ihrer eigenen Interessen opferfreudig zu ermöglichen, das haben die auf eine abermalige Abwälzung der Lasten auf die breitesten Volksschichten hinauslaufenden Gegenvorschläge des aus Konservativen, Polen und Zentrumsmitgliedern bestehenden neuen Blocks deutlich gezeigt. Für das Zentrum und die Polen mag dabei als Beweggrund maßgebend sein, daß der ihnen verhaßte Reichskanzler Ruf und Ansehen im Inland und Ausland einbüßen müßte, wenn er unter Verzicht auf die von den Bundesregierungen als unerläßlich bezeichnete Erbschaftssteuer sich demütig den harten Bedingungen übermütiger Gegner fügen würde, die er durch den seinerzeit von ihm ins Leben gerufenen konservativ - liberalen Block zu bändigen gehofft hatte. Ueber „Fürst Bülow am Scheidewege" ist in der Tagespresse neuerdings vielfach geschrieben wordender Reichskanzler wird notwendig eine Entscheidung treffen müssen - entweder muß er den Reichstag auflösen oder sich zum Werkzeuge der jetzigen reaktionären Parlamentsmehrheit erniedrigen, oder, auf seinen „agrarischen" Ehrentitel verzichtend, den begangenen Fehler, den konservativliberalen Block nur durch schöne Worte und nicht durch tatsächliche zeitgemäße freisinnige Zugeständnisse festlegen zu wollen, wieder gut machen. Mit dem Verschleppen der Entscheidung oder bloßem Verzicht auf sein Amt, der ihn gewiß keine Ueberwindung kosten würde, dürfte es nicht wehr abgetan sein; ein so vorzüglicher Künstler kann und wird sich auch niemals zu einem so wenig glücklichen Abgang entschließen. Die deutschen Inden können dieser Entwicklung ruhig zusehen;