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Im deutschen Reich · 1909-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1909) · p. 419

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
15 (1909)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1909)
Article
Literarische Volksvergiftung
Date
1909-07-01
Page
419 (sequence 8)
Language
German
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Literarische Volksvergistung. 419 wenn nicht ein neuer lebendiger Zufluß vorhanden ist, — ein immer stehendes Wasser riecht nicht gut und fördert allerhand Miasmen. Dazu kommt die liebe Reaktion, die in Deutschland nie ruht und stets darüber wacht, daß die Volksbildung sich ja nicht nach der freiheitlichen Richtung bewege, weil sie davon eine Gefährdung ihrer Existenz mit Recht befürchtet. Die Drahtzieher und Helfershelfer der reaktionären Parteien sind immer bei der Hand, wenn es gilt, jede Bestrebung zur Hebung der freien Volksbildung zu verdächtigen und zu hemmen. Wenn man gar nichts zu sagen weiß, dann kommt man mit den billigen, aber leider noch immer wirksamen frömmelnden und patriotischen Phrasen, und stellt die Volksaufklärung, wenn sie nicht in tendenziös konservativ-antisemitischer Weise vor sich geht, als Gefahr für die Religion und die vaterländische Gesinnung dar. Wie töricht diese Beschuldigungen auch sind und wie durchsichtig .ihre Absicht auch ist, sie finden leider häufig warme Unterstützung und mächtige Protektion bei mancher Regierung, und schon oft ist die Aufgabe der Volksbildungsvereine dadurch stark erschwert worden. Es ist geradezu beschämend, daß man in Deutschland, dem Lande der höchsten Kulturentwicktung, am Anfang des 20. Jahrhunderts mit solchen Hindernissen noch kämpfen muß. Ja, manche Ereignisse der letzten Jahre sind nicht gerade dazu angetan, unfern Optimismus zu stärken und uns in unfern Bestrebungen sehr freudig zu stimmen. In wirklich freiheitlichen Staaten würde man eine Parteinahme der Regierung gegen die Bestrebungen der Volksaufklärung einfach nicht verstehen, denn sie ist im Grunde gegen das Wohl des Volkes, also gegen die gesunde Entwicklung des Staates gerichtet, sie schadet dem Fortschritt und nützt niemand. Wahr ist es wohl, daß jede gesunde Volksaufklärung zu den Höhen der freiheitlichen Menschheit führt, denn die Bildung soll ja freimachen, das ist doch ihr eigentlicher Beruf, aber nie haben die Freunde der Volksbildung es versucht, einseitige Parteitendenzen in ihre Bestrebungen einzuschmuggeln und den Tempel der Volksbildung zu einer politischen Arena zu machen. Jeder, dem die Zukunft des Volkes am Herren liegt, und vor allem jede Behörde, die der Allgemeinheit dient, hätte also die Pflicht, ihre Ziele zu fördern und nicht sie

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