Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1909)
- Article
- Literarische Volksvergiftung
- Date
- 1909-07-01
- Page
- 418 (sequence 7)
- Language
- German
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418 Im deutschen Reich. Manne aus dem Volke nüchtern und kraftlos; oder sie setzen eine leere Phantasie an Stelle dichterischer Erfindung, unmögliche Dinge an Stelle wirklicher Heldentaten, und dann sind sie geistig und sittlich wertlos, wenn nicht gar verderblich. Wirkliche Künstler geben sich nur selten für diese Aufgabe her, und handwerksmäßige Schriftsteller können natürlich nur Mittelmäßiges leisten. Auf dem Gebiete der Jugendliteratur liegt die Sache nicht gar so schlimm, und wir besitzen zweifellos viele brauchbare Jugendschriften, aber ganz scheinen sie das Gemüt der Jugend doch nicht zu befriedigen, sonst würde sie nicht mit einem solchen Heißhunger nach der Schundliteratur greifen. Viele Jugenderzählungen sind tatsächlich zu kalt, und die moralische Tendenz in ihnen ist zu sichtbar. Das merken unsere Kleinen mit feinem Instinkt, und sie werden verstimmt. Ein ausgezeichnetes Material zur Befriedigung des Volksgemüts und zur Veredelung der kindlichen Seele könnten gute Biographien und historische Szenen bieten. Schilderungen aus dem Leben unserer Großen auf dem Gebiete der Staatskunst, der Strategik, der Wissenschaft, Kunst und Literatur, ausgewählte Kapitel der Geschichte, schlicht und warm vorgetragen, würden die denkbar beste geistige Nahrung fürs Volk und für die Jugend bilden. Aber es müßten eben gute Biographien und vollendete Schilderungen im volkstümlichen Gewände sein, und — sie sind heute leider noch sehr rar. Wir besitzen wohl eine reiche Biographieliteratur, aber sie ist meistens zu wissenschaftlich oder zu fein künstlerisch und psychologisch, und daher bei all ihrer großen Bedeutung für die breiten Volksmassen ungenießbar. Die mit der ausgesprochenen Absicht, der Volkstümlichkeit geschriebenen Biographien dagegen sind häufig zu seicht und wässrig, zu einseitig und zu langweilig. Es ist eben sehr schwer, die Grenze zwischen Oberflächlichkeit und Volkstümlichkeit innezuhalten. Zweifellos haben die Vereine für Volksbildung viel Gutes geleistet, aber wie viel auf diesem Gebiete in. den letzten Jahren auch getan worden ist, es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es handelt sich ja um eine beständige und nicht um eine einmalige Geistesnahrung, und wir bedürfen immer neuer guter Bücher. Schließlich wird auch die beste Volksbücherei mit der Zeit wertlos, wenn sie nicht immer ergänzt wird.