Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1909)
- Article
- Literarische Volksvergiftung
- Date
- 1909-07-01
- Page
- 415 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Volksvergiftung. 413 Vorstellungen die gesunde Bahn der Entwicklung. Es ist auch leider nicht immer bloßer Zufall, was dieses Nebel verursacht, sondern es gibt Skribenten — Schriftsteller wird man sie kaum nennen dürfen — und Verleger, die sich diese geistige Vergiftung zum Berufe wählen, und. die planmäßig solche billigen Bücher verbreiten, die dem Volke und noch mehr der Jugend zum Verderb werden. Millionen solcher billigen Hefte fliegen im Volke herum, sie werden durch eine raffinierte Reklame immer mehr verbreitet, und wir gehen häufig achtungslos an ihnen vorbei, ohne zu bedenken, daß sie wie Krankheitsbazillen die Atmosphäre, in der wir leben, verderben und die Menschen verseuchen. Wir haben Gesetze gegen physische Nahrungsfälscher, aber nicht gegen geistige. Wir bestrafen solche, die Milch verdünnen und Wurst färben, wir schützen die Naturbutter gegen Margarine und den Bohnenkaffee gegen Surrogate, aber — wer die geistige Nahrung vergiftet, wer die kindliche Phantasie aufregt und alles Böse in der unreifen Brust zum Aufruhr bringt, ja wer große und kleine Kinder durch eine schlechte Lektüre aufregt und sie mittelbar auf die Bahn des Verbrechens drängt oder mindestens zu Torheiten verleitet, der geht straffrei aus. Unsere „Moralisten" regen sich auf, wenn eine Nacktheit in Wort und Bild noch so dezent geschildert wird, unsere Hhperfrommen verfolgen jede freidenkerische Idee als gefährlich und rufen nach dem Staatsanwalt, aber die Schundliteratur herrscht in ihrer ganzen Gefährlichkeit, und man tut ihr ernstlich keinen Abbruch. Nun sagt die schöne Phrase: „Das Volk soll sich selber schützen!" Unter diesem Volke aber sind Millionen von Menschen, die nur eine einfache Dorfschule besucht haben und die seit ihrem fünfzehnten Lebensjahre von -jeder gesunden Bildung abgeschnitten sind. Wie sollen diese Leute ein kritisches Urteil besitzen, um ihre Lektüre richtig wählen zu können^ Oder sollen gar die Kinder sich selber vor einer schlechten Lektüre schützen? Dann müßte man auch fordern, daß die Kranken sich selber heilen, die Schwachen sich selber stützen sollen. Nein, Ausgabe der Lehrer und der Eltern, der Massenaufklärer und der Volksfreunde ist es, diesem Uebel, von dem uns die größte Gefahr droht, mit aller Schärfe entgegenzutreten. Man muß, sei es durch Gesetz und Verordnung,