Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1909)
- Article
- Literarische Volksvergiftung
- Date
- 1909-07-01
- Page
- 414 (sequence 3)
- Language
- German
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414 Im deutschen Reich. Eifer an, sich mit dem Volksbildungsproblem zu befassen. Das ist natürlich, denn das Volk lebt nicht allein von Brot, auch sein Geist verlangt gesunde Nahrung, und die Aufgabe der Gebildeten im Volke ist es, diese Sehnsucht nach seelischer Erhebung und Veredelung zu befriedigen, den Durst nach Wissen und Schönheit zu stillen. Lange genug bildeten die höheren Zehntausend eine Kaste für sich, und das Volk war das Aschenbrödel, um das man sich wenig bekümmerte. Nun fing man endlich an zu begreifen, daß man heilige Pflichten gegen das Volk hat. Man sah ein, daß nur ein in gesunden Bahnen sich entwickelndes Volk Genies und Geistesheroen zu erzeugen vermag, daß der Boden gut gedünkt sein muß, wenn er schöne, herrliche Pflanzen Hervorbringen soll. Der Boden, der alles hervorsprießen läßt, ist die breite Volksmasse, und er darf' nie verwahrlost werden, wenn wir nicht einer geistigen Verödung entgegengehen wollen. Die Größe der alten Völker, wie Hellas und Juda, beruht im Grunde darauf, daß hier alles Große in Kunst und Wissenschaft aus dem Volke hervorging und für das Volk geschaffen war, daß hier alles Schöne und Erhabene, was des Menschen Geist schuf, sich zu einer Art Volksreligion entwickelte. Wir hatten in den letzten Generationen die gesunden Bahnen einer schlichten Kultur verloren, weil wir keine Fühlung mehr mit dem Volke hatten. So entstand ein unfruchtbares Epigonentum, ohne Wurzel in der Tiefe und ohne Zweige, die in die Höhe ragen. Jede gesunde Renaissance muß beim Volke beginnen, und es ist die erfreulichste Erscheinung der Neuzeit, daß wir uns heute mehr und intensiver mit den inneren Interessen des Volkes beschäftigen, daß wir anfangen, uns wieder eins mit ihm zu fühlen. Was lesen unsere Volksmassen? und vor allem: was lesen unsere Kinder? Das ist keine Doktorfrage, sondern ein Lebensproblem in sittlicher und kultureller Hinsicht. Denn das Volk und das Kind gleichen einander auch in dieser Beziehung, daß sie fast alles lesen, was ihnen der'Zufall in die Hand gibt, ohne wählen oder prüfen zu können. Der Zufall aber ist ein schlechter Führer und Berater in geistigen Dingen, und so wird das Volk, wird die unreife Jugend ein Opfer der häufig schlechten Lektüre und verliert im Nebel unklarer