Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1909)
- Article
- Literarische Volksvergiftung
- Date
- 1909-07-01
- Page
- 413 (sequence 2)
- Language
- German
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Literarische Volksvergistung. 413 mus ist eine Krankheit, gewiß — aber nicht die einzige aus geistig-sittlichem Gebiete. Ja, es ist wie im physischen Leben: die Krankheiten hängen fast immer mehr oder minder zusammen, jede stellt nur eine andere Erscheinung desselben Nebels dar. Der Quell all dieser Krankheiten ist die Störung des normalen Stoffwechsels, die Hemmung der natürlichen Entwicklung. Es klingt fast trivial, aber alle alten Wahrheiten müssen wiederholt werden, müssen von neuem entdeckt werden, um sie der modernen Menschheit mundgerecht zu machen: das beste Mittel gegen alle geistigen und sittlichen Gebrechen, die beste Abwehr aller verderblichen Erscheinungen ist eine gesunde Volksaufklärung. Die Gesundung des Volkes in sittlicher, kultureller und sozialer Beziehung ist der Ausgangspunkt und das Zentrum aller ersprießlichen Betrachtungen. Man kehrt immer wieder zu diesem Mittelpunkt zurück, weil er allein die richtigen Bahnen in der Politik wie in der Kultur zeigt, weil er allein eine gesunde Kraft ausströmt und zum zielbewußten Wirken ermutigt. Daher muß sich eine rationelle Abwehr des Antisemitismus mit all diesen Fragen beschäftigen. Es ist auch kein bloßer Zufall, daß alle krankhaften Erscheinungen in der Politik wie in der Kultur, alle Strömungen, die falsche Bahnen wandeln, mit dem Antisemitismus in irgendeinem Zusammenhänge stehen. Mag dies bewußt oder unbewußt, mehr oder minder deutlich geschehen, der Zusammenhang ist vorhanden, und er ist von der Natur gegeben. Wie physische Epidemien mit Vorliebe auf sumpfigem Boden entstehen, so ist der Boden des Antisemitismus für alles Kranke prädestiniert. Wo eine Bewegung ungesunder Natur sich auf der Oberfläche zeigt, da gesellt sich der Antisemitismus in irgendeiner Form mit ihm und prägt ihm den Charakter auf. Das ist begreiflich. Denn wo die Bahn der Vernunft verlassen ist, da ist freier Raum für alle niedrigen Instinkte, für alle bösen Leidenschaften. Auch aus diesem Grunde also ist es unsere Pflicht, uns mit der geistigen und sittlichen Volksnahrung zu befassen und die schädlichen Nahrungsfälschungen zu bekämpfen. In jüngster Zeit, wo das sozial-ethische Gewissen der Gebildeten erwacht ist, fängt man allmählich mit mehr