Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Antisemitische Jugendlektüre
- Date
- 1909-06-01
- Page
- 347 (sequence 2)
- Language
- German
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Untisemitische Jugendlektüre. 347 „Jude" ausgesprochen wird, ihre Hand im Spiele hätte! Es handelt sich um Erzählungen, die geradezu darauf hinauslausen, den Juden als den Gipfel entweder der Lächerlichkeit oder der Schlechtigkeit darzustellen, und die aus diesem Grunde in der jungen Seele des jüdischen Kindes das Gefühl der Verbitterung, wenn nicht etwas Schlimmeres erwecken, und den christlichen Mitschüler — hierin liegt eben die wahre Tendenz — schon in frühester Jugend gegen den jüdischen Schulkameraden, ein Glied dieser lächerlichen und schlechten Gesellschaft, einnehmen. Es ist hier nicht der Ort, über den literarischen Wert oder Unwert eines großen Teils der Jugendliteratur überhaupt zu sprechen. Ein jeder, der auch nur flüchtig in diesem Gebiete Umschau hält, weiß, wie sehr gerade hier gesündigt wird. Die Jugenderzählung ist nur allzuhäufig ein Tummelplatz für die schriftstellerischen Versuche derer, denen ihre Begabung nicht gestattet, für urteilsfähige und denkende Leser zu schreiben. Das Wort, daß für das Kind das beste gerade gut genug fei, hat sich nach dieser Richtung hin leider noch keine Geltung verschaffen können. Denn ganz abgesehen von den vielen, vielen Büchern, die von rein pädagogischen Gesichtspunkten ans als unzweckmäßig und darum verfehlt anzusehen sind, von den aufdringlich moralisierenden, von den bluttriefenden und sensationellen Geschichten, von der süßlich-romantischen Backfischliteratur, gibt es noch eine ganze Menge von Schriften, die wegen ihrer Gesinnung als durchaus ungeeignet für die Jugend angesehen werden müssen. Zn diesen gehören eben in allererster Reihe die antisemitischen Schriften, deren große Gefahr erst dann recht anschaulich wird, wenn man des Kindes Achtung vor jedem gedruckten Wort mit in Betracht zieht und einfieht, daß die Autorität des Buches, die für die Jugend unerschütterlich feftsteht, zu Zwecken niedrigster Art gröblich mißbraucht wird. Ein Aufruf zu einem Vorgehen energischer Art gegen solcherlei Auswüchse bedarf keiner besonderen Rechtfertigung, sobald man es sich klar vor Augen hält, daß die gesamte Jugendliteratur ihrem ganzen Wesen und ihren Zwecken nach im edlen Sinne tendenziös ist und bleiben muß. Darin unterscheidet sie sich von der Lektüre des reifen Menschen, daß ihr Wert nicht in der Darstellung der subjektiven Emp-