Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Der Antisemitismus an den deutschen Hochschulen
- Date
- 1909-06-01
- Page
- 342 (sequence 3)
- Language
- German
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342 Im deutschen Reich. Wissenschaft, Ruderklubs, Reit- und Turnvereine, juristische und naturwissenschaftliche Korporationen legen Wert daraus, als „judenrein" zu gelten. Unter solchen Umständen ist es wohl selbstverständlich, daß sich die antisemitischen Bestrebungen nicht auf die Korporationen beschränkten. Der g e s e l l s ch a f t l i ch e Abschluß besteht auch unter den n i ch tk o r p o ri e r t e n Studenten, und wo sie in den Finkenschasten Vertretungen besitzen, die eine einheitliche Willensäußerung gestatten, da zeigt sichauch bald das Streben nach einem „judenreinen" Ausschuß. Trotzdem hat man lange die Bedeutung des Antisemitismus in der Studentenschaft verkannt. Man ging darüber hinweg mit dem Trost, daß sich der Ausschluß aus den Korps und Burschenschaften, verschmerzen lasse und daß die Judenhetze. auf den Hochschulen doch nur auf die Jugend und Unreife der Studenten zurückzuführen fei. Das war eine gefährliche Täuschung. Denn wenn bereits die Studierenden, die doch später im bürgerlichen Leben berufen sind, auf Kathedern und Kanzeln Lehrer und Führer der künftigen Generation zu sein, in antisemitischen Jdeenkreisen aufwachsen, dann sind die Folgen unabsehbar. Gerade an den Hochschulen, wo der Antisemitismus seine Wurzeln hat, woher er seine jungen Kräfte zieht, ist seine Bekämpfung am notwendigsten und dringendsten. Aber der einzelne steht der Masse der Gegner machtlos gegenüber, feine Stimme muß in der Menge wirkungslos Verhallen. Gegenüber der von großen Verbänden systematisch geschürten und durch einflußreiche Kreise von außen her unterstützten Bewegung ist ein Erfolg nur von einer organisierten A b w e h r zu erwarten. Anfangs war die Bekämpfung des Antisemitismus einigen liberalen Vereinen überlassen, unter denen die „Freie wissenschaftliche Vereinigung" in Berlin, deren 1881 erfolgte Gründung sich an Namen wie Virchow und Mommsen knüpfte, am bekanntesten geworden ist. Sie sollten den liberalen Gedanken in der Studentenschaft wieder erwecken und pflegen. Der Kampf gegen den Antisemitismus war zwar nicht der ausgesprochene Zweck ihres Strebens, er galt ihnen jedoch als ein Teil ihres Kampfes gegen die Reaktion.