Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-05-01
- Page
- 290 (sequence 3)
- Language
- German
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290 Im deutschen Reich. Zeitung" Anlaß gab, ernste Bedenken gegen eine solche regierungsfeindliche Haltung der Agrarier zu äußern. Auch andere konservative Organe haben betont, daß es für die konservative Partei nicht rätlich sei, derartig den Anschein zu erwecken, daß bei ihr materielle Erwägungen den nationalen Gedanken verdrängen. Fürst Bülow scheint sich der Hoffnung hinzugeben, den Block mit Hilfe der von dem Antisemiten Liebermann geleiteten „Wirtschaftlichen Vereinigung", sowie der unter der Führung des Professor Adolf Wagner für die Finanzreform eintretenden Christlich-Sozialen aus der jetzigen Verlegenheit herausbringen zu können, ohne die Ansprüche der Liberalen zu berücksichtigen und ohne die heftigen Angriffe des Zentrums zu beachten, das nur dann mit den Konservativen paktieren will, wenn das Staatsruder anderen Händen anvertraut wird. Von beiden Seiten mit einem kaudinischen Joch bedroht, hätte es der Kanzler wirklich leichter, den Ausweg zu wählen, durch eine volkstümliche Politik die Opferwilligkeit bürgerlicher Kreise zu erproben, da die der verhätschelten Lieblinge offenkundig versagt. Bei den jetzigen Konflikten handelt es sich um Gegensätze zwischen den ihre materiellen Interessen mit ungewöhnlicher Schärfe verteidigenden antisemitischen Agrariern und den ebensowenig judenfreundlichen, konservativen Gouvernementalen und Christlich-Sozialen, von denen die Finanzpläne der Regierung tatsächlich deshalb unterstützt werden, um diese zu verhindern, durch einen kräftigen Ruck nach links aus der Sackgasse herauszukommen und um die breitesten Schichten der Bevölkerung nicht durch eine Vermehrung der indirekten Steuern so gegen sich auszureizen, daß bei künftigen Wahlen zahlreiche konservative Mandate gefährdet werden. Von maßgebender Seite denkt aber niemand daran, den Mangel an Opferfreudigkeit der Agrarier mit dem Verhalten des jüdischen Bruchteils der deutschen Bevölkerung zu vergleichen, der seine Pflichten gegen den Staat anspruchslos und willig zu erfüllen pflegt, ohne mehr zu verlangen als die redliche Erfüllung dessen, was ihm vor vierzig Jahren gesetzlich verbrieft worden und im Grunde nichts anderes ist,