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Im deutschen Reich · 1909-05-01 · Heft 5 (Mai 1909) · p. 277

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
15 (1909)
Issue
Heft 5 (Mai 1909)
Article
Nervosität und Antisemitismus
Date
1909-05-01
Page
277 (sequence 5)
Language
German
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Nervosität und Antisemitismus 277 und deren Schwächen oder vermeintliche Schwachen zur Zielicheibe ihres Witzes und Spottes zu machen. Das sehen wir heute, wo sich das Nationalitätsgefühl iast noch täglich steigert, nicht nur im internationalen Versehe, sondern auch zwischen einzelnen Stämmen und Interessengruppen derselben Nation immer deutlicher hervortreten. Politik verdirbt ja den Charakter, wie man sagt, es mag dazu noch kommen, daß die Schwierigkeiten im Kampf ums Dasein, das Ringen um die Existenz sicher auch nicht leichter geworden sind. Durch diese Verspottung der Andersgearteten wird der Mangel an innerem Halt verdeckt, und das mangelnde Selbstgefühl, das Fehlen einer Stütze in sich selbst, weggetäuscht. > mangelnder die Bildung ist, um so schärfere Formen nimmt dieses Herabsehen und diese Verspottung an, namentlich wenn damit noch Interessen irgendwelcher Art verbunden sind und fanatische Ueberzeugung mit geschickter demagogischer Agitation die Leidenschaften der Massen aufstachelt. Man kann wohl sagen, je mehr ein Volk in der Kultur zurück ist, um so grausamer ist es gegen die Juden. Die Reize, welche heute bei uns im allgemeinen auf den Juden einwirken, kann der gesunde Mensch ertragen, wenn sie auch besser fortblieben. Der n e r v ö s e Mensch w i r d aber dadurch geschädigt. Denn seine aus krankhafter Ursache gesteigerte Empfindlichkeit läßt ihn diese chuvektiven doppelt schwer empfinden. Trotz aller Gleichberechtigung ist der Jude in verschiedenen Wegenden unseres Vaterlandes noch häufig genug die Zielscheibe des Spottes, namentlich wenn der Alkohol die Urteilsfähigkeit trübt und ein falsches Selbstbewußtsein schafft. Der Mann, dem es schlecht geht und der selbst schlecht behandelt wird, will auch einmal andere schlecht behandeln. Auf der Eisenbahn, in der Elektrischen, im Wirtshaus, im Theater, wo es auch immer sein mag, der Jude ist niemals sicher vor höhnenden Zurufen, vor Sticheleien, und vor Gebärden, die auf dergleichen schließen lassen. Der Mensch, der weiß, oaß ihm so etwas passieren kann, achtet besonders auf alles und nimmt vielleicht noch mehr wahr, als in Wirklichkeit vorhanden ist.

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