Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1909)
- Article
- Stenographischer Bericht über die ordentliche Mitgliederversammlung
- Date
- 1909-03-01
- Page
- 255 (sequence 33)
- Language
- German
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Ordentliche Mitglieder-Versamrnlung (Antrag Schemel). 255 schäftsführende Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden mir die offizielle Mitteilung gemacht haben, daß sie keine Veranlassung sehen, auf meine Mitarbeit zu verzichten, wie ich das beiden Körperschaften angeboten hatte. Wenn ich hier das Wort ergreife, so geschieht das — ich wiederhole, was ich früher schon einmal schriftlich gesagt habe — keineswegs aus dem Grunde, weil ich mich schuldig oder als Angeklagter fühle. Ich ergreife das Wort lediglich als völlig freier und unabhängiger Mann. Ich habe meine Erklärung am Beginne des Wahlkampfes, von dem Sie hier so viel gehört haben, abgegeben, nicht aus einer Augenblicksstimmung heraus und nicht, weil ich mir die Sache nicht überlegt habe, sondern nach reiflicher Ueberlegung, und ich habe nach all den Dingen, die ich hier und an anderen Stellen gehört und von denen ich gelesen habe, keine Veranlassung, eine Silbe von dem zurückzunehmen, was ich am Beginn dieser ganzen Auseinandersetzungen gesagt habe. (Unruhe.) Wenn man Politik treibt, so beabsichtigt man doch, in einer bestimmten Weise auf das SLaaLswohl einzuwirken. Die Einwirkung geschieht mittels einer politischen Partei, die man als reifer Mann sich gewählt hat, und wenn ich mich einer politischen Partei anschließe und die Meinung habe, daß es die richtige fei und daß sie namentlich bei der Auswahl der Kandidaten denjenigen nimmt, der am zweckmäßigsten die Meinung der Partei ausdrückt, so muß ich selbstverständlich für den Kandidaten die Stimme abgeben, der einmal als der Ausdruck meiner politischen Ueberzeugung in Vorschlag gekommen ist. In dieser Meinung kann ich mich nicht beirren lassen durch die Erwägung, daß ich außer für das Staatswohl auch noch einzutreten habe für die Interessen des Judentums. — (Die Redezeit wird verlängert.) — Wenn man eine politische Stellung einnimmt, so darf man nicht nach irgendeiner Richtung hin sich Fesseln anlegen lassen. Es geht absolut nicht, daß einem, wenn man im öffentlichen Leben auftritt, nachher gesagt werden kann: Du sprichst ja gar nicht deine Ueberzeugung aus, sondern du bist vorgeschickt von der Organisation, in deren Vorstand du bist. Das ist eine Situation, die man nach meiner Meinung — und auch die Damen, die neu in die Politik eintreten, werden mit mir sich darin eins wissen — nicht auf sich nehmen darf. In demselben Augenblick, in