Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1909)
- Article
- Stenographischer Bericht über die ordentliche Mitgliederversammlung
- Date
- 1909-03-01
- Page
- 252 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316779-2316783-2341360--18937-2341505- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
252 Im deutschen Reich. Viele Gegensätze sein, aber über eins sind wir uns einig: Eine solche Verteidigung, wie die von dem Herrn Vorredner, hat Herr J.-R. Lövinson nicht verdient. (Sehr gut!) Was hat die Parteipolitik mit unserem Central-Berein zu tun? Ich verwahre mich feierlich dagegen, daß in unsere friedliche Arbeit, die der Zusammenfassung der Juden und Jüdinnen aller Parteirichtungen gilt, irgendwie Parteipolitik hineingetragen wird. (Stürmischer Beifall.) Ich habe nicht den Vorzug, Berliner zu sein, aber wenn man aus der Provinzist, so hat das auch manchmal einen Vorzug, so z. B. den, daß auf der Reise von Berlin nach Dessau, meiner Vaterstadt, die Affäre Mugdan von ihrer Glühhitztemperatur manches verloren hat. (Heiterkeit.) Wir gewöhnen uns daran, solche Sachen, die uns aus der Reichshauptstadt kommen, möglichst objektiv anzusehen. Von einem Fehmgericht sind wir nicht besonders erbaut, zumal dann nicht, wenn es sich um einen so verdienten Mann handelt. (Bravo!) Wir Juden sollten aus der Geschichte doch so viel gelernt haben, daß Dankbarkeit nicht gerade eine Schande ist. (Bravo!) Wir sollten jeden solchen Vorfall mit möglichster Toleranz unter.uns betrachten; denn wenn wir unter uns paar Leuten nicht einmal Frieden halten und Duldung üben können, wie wollen wir es dann den anderen, die so unendlich in der Majorität sind, begreiflich machen, daß unser Anspruch auf Duldung und Toleranz gerechtfertigt ist? (Bravo!) Darum, so feindlich auch in der Politik die einen den andern gegenüberstehen, hier sind wir Juden, und unsere gemeinsamen Interessen gehören in den Vordergrund. Ich verdenke es keinem, wenn er seine abweichende Ansicht geltend macht. Ich verlange aber auch von jedem anderen Vereinsmitglied, daß es in mir nicht einen Stöcker-Nachfolger erblickt, wenn ich in dieser Frage mir erlaube, in aller Bescheidenheit und .Ruhe anderer Ansicht zu sein. Wir sind alle darin einig, daß wir die Taufe bekämpfen, daß wir den Täufling, falls er sich nicht aus Ueberzeugung hat Laufen lassen, — und ich habe noch keinen gesehen, der es aus Ueberzeugung getan hätte — (Sehr gut!) verachten. (Bravo!) Aber haben wir denn hier die Aufgabe, in einem politischen Verein alles bis ans bittere Ende durchzusühren? Wenn ich nicht irre, war es Bismarck, der einmal gesagt hat: Politik ist die Kunst des Möglichen. Das sollen wir doch