Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1909)
- Article
- Stenographischer Bericht über die ordentliche Mitgliederversammlung
- Date
- 1909-03-01
- Page
- 247 (sequence 25)
- Language
- German
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Ordentliche Mitglieder-Versammlung (Antrag Schemel). 247 sagen — und wir unterschreiben diese Meinung durchaus —, daß es in der Tat den Standpunkt der Regierung unterstützen heißt, die auf die Heuchelei eine Prämie gesetzt hat. Mein Herr Vorredner hat ja auch anerkannt, daß wir diesen Standpunkt energisch vertreten haben. Fraglich ist nur, welche Konsequenzen aus diesem Standpunkt zu ziehen und wieweit sie zu ziehen sind. Prinzipielle Unterschiede liegen also überhaupt nicht vor, sondern es sind rein graduelle. Der eine geht darin so weit, der andere nicht so weit. Nun sagen die Extremen: Unter keinen Umständen irgendwelche Beziehungen zu den Getauften! Wir müssen uns mit Haß gegen die Getauften erfüllen, sie sind schlimmer als die Antisemiten; denn sie fallen uns in den Rücken, sie vernichten unsere Zukunft, wenn sie dazu beitragen, daß gerade die Zahl der Gebildeten unter den Juden zusammenschrumpft; wenn es Mode werden sollte, daß man aus solchen Rücksichten zum Feinde übergeht, ist das Judentum verloren. Wir müssen unbedingt das Tischtuch zwischen uns und den Getauften zerschneiden und in keiner Weise irgendwelche Beziehungen mit ihnen unterhalten. Aus dieser Auffassung ergibt sich als selbstverständliche Konsequenz, daß es das allerletzte wäre, einem solchen getauften Juden zu einer Ehrenstelle zu verhelfen, wie es auch ein Stadtverordnetenmandat ist. Das ist die eine Auffassung, die ich vollauf verstehe. Wenn es für Sie irgendwelches Interesse hätte, so würde ich auch sagen, daß ich diese Auffassung persönlich auch teile. (Bravo!) Aber ich habe auch volles Verständnis dafür, wenn man eine andere Konsequenz zieht. Ich will mich nicht darauf einlassen, zu erörtern, ob eine Stadtverordnetenwahl überhaupt die geeignete Gelegenheit ist, um politische Konsequenzen bis zum letzten zu ziehen. Eine Stadtverordnetenwahl ist ja im Grunde genommen als Kommunalwahl gar keine politische Wahl. (Widerspruch.) Ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie meinen Standpunkt teilen, ich gönne Ihnen Ihre Ansicht, aber lassen Sie mir die meine. Ich könnte mir z. B. denken, daß jemand einen getauften Juden zum Stadtverordneten macht, weil er ein tüchtiger Arzt, ein tüchtiger Hygieniker ist, und weil er sich sagt: Wenn ich als Bürger der Stadt einen Stadtverordneten wähle, so sorge ich dafür, daß die Stadt einen tüchtigen, segensreich wirkenden Vertreter bekommt. Wenn ein