Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1909)
- Article
- Stenographischer Bericht über die zweite Delegierten-Versammlung des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (21. Februar 1909)
- Date
- 1909-03-01
- Page
- 214 (sequence 86)
- Language
- German
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214 Im deutschen Reich. den Central-Verein nur das eine gelten: Wir glauben zu schieben, und wir werden geschoben. (Hört, hört!) Was ist eigentlich geschehen? Eine Bezirksversammlung, in der zahlreiche jüdische Wähler jenes Bezirks, der etwa zu 25 Prozent aus jüdischen Wählern besteht, anwesend waren, hat Dr. Mugdan ausgestellt. Darauf wurde von einem anderen Teil der Wählerschaft, die einer anderen politischen Richtung angehörten, ein anderer Kandidat, Herr Professor Richert, ausgestellt^ Anfangs dachte niemand an den „getauften Juden". Es lag um so ferner, dieses Argument gegen Dt. Mugdan ins Feld zu führen, als gerade, das kann ich Ihnen als Berliner sagen, der die Verhältnisse und Personen eingehend kennt, als gerade dieselben politischen Kreise, die die Kandidatur Richert ausgestellt hatten, in demselben SLadtverordneLenwahlbezirk vor zwei Jahren einen Herrn ausgestellt hatten, dessen Kinder getauft sind, und daß ebendieselben Kreise in dem Landtagswahlbezirk, zu dem dieser Stadtbezirk gehört, einen getauften Juden, Herrn Professor Engel, und zwar gegen einen jüdischen Kandidaten aufgestellt hatten: (Hört, hört!) Die Kandidatur Richert fand zuerst wenig Gegenliebe. Was geschah nun? Der Kirchlich-Liberale Verein des Westens erschien mit einem Zirkular auf dem Kampfplatz, in dem die Wähler im „kirchlich-liberalen" Interesse afgefordert wurden, für Herrn Prof. Richert zu stimmen. (Hort, hört!) Im „kirchlich-liberalen" Interesse, meine Herren! Aber die kirchlich-liberalen Herren sind vielseitig. Es erschien weiter aus denselben Kreisen ein Zirkular, mit derselben Unterschrift versehen, welches an die jüdischen, resp. nicht kirchlichliberalen Wähler verschickt wurde, darin stand natürlich nichts vom „kirchlich-liberalen" Interesse, die Wahl wurde nur im allgenreinen, kommunalen Interesse, ohne Angabe von Gründen, empfohlen. — Nun, meine Herren, die Kirchlich-Liberalen waren klüger als die Juden, sie ließen sich nicht schieben, sie waren nicht so töricht, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Sie verbaten sich ganz entschieden, dieses Hineintragen von Dingen, die nichts mit kirchlich-liberalen Interessen zu tun hatten, in ihre Bewegung. Gerade die Führer der Kirchlich-Liberalen — ich kann die Namen nennen — stimmten für Dr. Mugdan. Nun weiter. Erst jetzt tauchte plötzlich ein neues Argument auf: „Wählt keinen getauften