Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1909)
- Article
- Stenographischer Bericht über die zweite Delegierten-Versammlung des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (21. Februar 1909)
- Date
- 1909-03-01
- Page
- 188 (sequence 60)
- Language
- German
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ISS Im deutschen Reich. größten Teile keine streng-jüdische Erziehung mehr genossen; der ehrwürdige Ritus des altjüdischen Hauses ist uns fremd; viele Gebete in der Synagoge verstehen wir nicht. Man sagt, nun, die Entwicklung hat das so mit sich gebracht, es ist gut, daß unsere Jugend nicht im Geiste des Ghettos erzogen wird. Aber liegen die Schattenseiten der geschilderten Entwicklung nicht klar zutage? Die Entfremdung der jüdischen Jugend vom Judentum wird immer weiter gefördert. Jenes ungewisse Etwas, das selbst den Indifferentesten der erwachsenen Generation noch an das Judentum fesselt, ist auf ein Minimum geschwunden, wenn es nicht gar ganz verloren gegangen ist. Das Judentum spielt in dem Geistes-und Gefühlsleben des jüdischen jungen Mädchens und jungen Mannes unserer Tage eine verschwindend kleine oder gar keine Rolle. Die meisten sind Juden, weil ihre Eltern es sind, und vielfach nur mit Rücksicht auf diese. Sie beschäftigen sich mit allen möglichen Fragen, aber für das Schicksal der Gemeinschaft, der sie durch Religion, Geburt und Tradition mit tausend Banden angehören sollten, haben sie nichts übrig. — Wenn man aber bedenkt, daß diese junge Generation als dereinstige jüdische Väter nnb Mütter die Erzieher eines neuen Geschlechtes stellen soll, so eröffnen sich wahrlich recht dunkle Perspektiven. Und weil dem so ist — in diesem Punkte weiche ich etwas von meinem verehrten Vorredner, Herrn Dr. Apfel, ab — soll man in den Jugendvereinen allerdings das Hauptgewicht auf die Pflege jüdischen Geistes, jüdischen Denkens und Fuhlens legen. (Bravo!) Gewiß soll der junge Mensch als deutscher Staatsbürger erzogen werden, er soll den Zusammenhang mit der vaterländischen Kultur, in der wir wurzeln, nicht vertieren. Aber fällt es denn dein Elternhause irgendwie ein, bei diesem sich lediglich anderen Interessen widmenden jungen Menschen die jüdischen Saiten in seinem Innern anzuschlagen, die doch so herrliche Akkorde ertönen lassen könnten? Diese Saiten läßt mau systematisch v e r r o st e n. Wenn Herr Dt. Jakob ausführte, daß es auf eine harmonische Vereinigung des deutschen und des jüdischen Gefühls, auf eine deutsch-jüdische Ausbildung ankäme, so möchte ich sagen, daß, wenn man den jungen Menschen so planlos dahinivren läßt, diese Entwicklung sicher sehr unharmonisch zu ungunsten des Judentums ausfallen würde. Deshalb muß das Schwergewicht der Tätigkeit in