Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-11-01
- Page
- 624 (sequence 3)
- Language
- German
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624 Im deutschen Reich. wenn diese sich nicht darauf versteift hätten, Staat und Kirche zusammenzufchweißen? Der größte Staatsmann, den Deutschland je gehabt, hat die Juden weder gefürchtet noch gehaßt, ihre Intelligenz in den größten Momenten der neueren deutschen Geschichte für den Staat vielfach nützbar gemacht und davon erst abgelassen, als sie charaktervoll genug waren, bei der Aenderung seiner Wirtschaftspolitik nicht ebenso wie die davon allein profitierenden anderen Mitarbeiter „wie die Unteroffiziere einzuschwenken". Für staats gefährlich haben große Politiker wie Fürst Bismarck und Windhorst die Juden nie gehalten; wofür sie Fürst Bülow hält, — wenn man von ihm spricht, kommt man unwillkürlich ins Zitieren! — „hat niemand noch ergründet". Weit staatsgefährlicher als die Juden erscheinen dem Zentrum z. B. die sich als „Alldeutsche" bezeichnenden Antisemiten. Eines der unterrichtetsten Zentrumsblätter, die „Köln. Volkszeitung", erklärte in einem Aufsatz: „Die Alldeutschen und die deutsche Politik" kürzlich rund heraus: „Die Alldeutschen verderben dem Kaiser vollständig das Konzept!" Also nicht die Juden, sondern die alldeutschen Rassenfanatiker stören die Kreise unserer SLaatsleiter. Das ist eine ungeheure Anklage in dem Augenblick, in dem die letzteren erklären müssen, daß die Orientfrage ohne deutsche Zustimmung und im schroffen Widerspruch mit dem bisherigen freundlichen Verhältnis der deutschen Regierung zur Pforte von Oesterreich und Bulgarien urplötzlich aufgerollt worden ist. Die „Köln. Volkszeitung" stützt ihre schwere Anklage gegen die antisemitischen Alldeutschen auf sehr verfängliche Aeußerungen des zu dem Petersburger Kabinett in engen Beziehungen stehenden deutschfeindlichen Blattes „Nowoje Wremja" unb Bemexft dazu: „Das russische Blatt geht' von der Voraussetzung aus, daß die deutsche Regierung sich vollständig im Banne der Alldeutschen befinde und deshalb, wie im Zustande der Hypnose, den von ihnen gesteckten Zielen nachjage. Und weil die Alldeutschen immer das Liedlein singen: „Mein Vaterland muß größer sein", deshalb ist man auch im Auslände nachgerade der irrigen Ansicht gelangt, daß die Deutscherl unbedingt mehr Land brauchten, um sich auszubreiten, da sie schon jetzt wegen Uebervölkerung sich gegenseitig auf die Hühneraugen träten. Diese Lesart wird