Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1908-11-01 · Heft 11 (November 1908) · p. 614

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
14 (1908)
Issue
Heft 11 (November 1908)
Article
Graf Tolstoi und das Judentum
Date
1908-11-01
Page
614 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2316602-2316766-2316777-2340754--18345-2340847
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

014 Im deutschen Reich. den [enngjten Idealismus, der opferfreudig alle äußeren Hindernisse überwindet. Die Begeisterung rst die Hauptsache, sie ist die Mutter alles Guten und Edlen. In der russischen Judenheit ist dieser Bildungsdrang noch stärker. Der russische Jude kann ohne Begeisterung gar nicht Leben; sie erhält ihm den Lebensmut. Ich kenne viele russisch-jüdische Studenten, die mit 60 bis 70 M. monatlich leben, oft viele Tage nichts Warmes essen und dabei fleißig studieren und häufige Besucher des Theaters, allerdings des „Olymps", sind. Für diese Elemente ist es eine wahre Wonne, sich für einen so bahnbrechenden Geist wie Tolstoi. zu enthusiasmieren und ihn überschwänglich zu feiern. Dazu kommt noch die innige Dankbarkeit für den edlen M e n s ch e n T o l st o i. Die Juden werden es ihm nie vergessen, daß ihn die unmenschlichen Pogrome stets mit Trauer und Ekel erfüllten, daß er stets seine Stimme gegen diese Schmach seines geliebten Volkes erhob. Wie alle großen Russen, wie T u r g e n i e w , Tschechow, G o r k j i, verdammte er die judenseindliche Bewegung, weil er in ihr das größte Hemmnis für die gesunde Entwicklung Rußlands erblickte. Und wie ernst es ihm mit der Bekämpfung des Antisemitismus war, das kann man daraus ersehen, daß er diese Ausgabe mit der größten Gründlichkeit erfaßte. Es ist Tatsache, daß er lange hebräischen Unterricht nahm, um die Literatur des Judentums zu studieren und die feindlichen Verdächtigungen zu widerlegen. Er wußte, daß man eine Gemeinschaft nicht kennt, wenn man ihr Seelenleben, ihre Kultur und Literatur, ihre Religion und Ethik nicht kennt. Tolstoi ist eben kein Dutzend-Philosemit, der die Juden mit dem Argument „es gibt auch gute Juden" verteidigt. Ihm war die Verteidigung der Wahrheit hier wie überall Herzenssache, und mit dem heiligen Zorn eines Propheten trat er gegen die Schmach des Judenhasses auf. Ebenso töricht ist es, wenn eine andere Sorte von Antisemiten Tolstoi, weil er ein „wahrhafter Russe" ist, in Gegensatz zum Judentum bringen oder gar zum Antisemiten machen möchte. Ist denn wahrhafter Russe und Judenfeind ein und dasselbe? Es gibt Millionen echter Russen, die einer sehr freien Gesinnung huldigen und die Judenfeindschaft als die schlimmste Krankheit betrachten. War etwa Turgeniew,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.