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Im deutschen Reich · 1908-11-01 · Heft 11 (November 1908) · p. 615

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
14 (1908)
Issue
Heft 11 (November 1908)
Article
Graf Tolstoi und das Judentum
Date
1908-11-01
Page
615 (sequence 5)
Language
German
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Graf Tolstoi und das Judentum. <>i5 jev größte russische Künstler seiner Zeit, lein echter Russe? Cs ist merlwürdig, wie vielseilig dieser Antisemitismus ist. stn Deutschland ist er das Merkmal echten Germanentums, in Rußland dagegen ist er das .Kennzeichen waschechten Russentums. Weil Tolstoi ein guter Christ ist, haßt er den Antisemitismus. In seinem Sinne sind gewiß alle deutschen Antisemiten, Hofprediger Stöcker nicht ausgenommen, schlechte Christen. Er arbeitet nicht mit Bomben, ja er hält diese sogar für sehr verwerflich, inte jeder anständige Mensch. Aber nur die törichte antisemitische Verdächtigung, die in jedem Juden einen Dynamitarden erblickt, kann daraus einen Gegensatz zum Judentum konstruieren. Den Juden ist es übrigens nie eingefallen, den russischen Philosophen ganz für sich zu reklamieren. Sie freuen sich seiner wie alle Russen, und sie feiern ihn wie alle, die zur Intelligenz zählen. Tolstoi feierte seinen achtzigsten Geburtstag aisi dem .Krankenlager, mit dem Siechtum im Herzen. Das ist wenig erfreulich, — aber das ist noch nicht das Traurigste. Es ist ein erschütternd tragisches Geschick für einen Verfechter der reinsten Menschlichkeit und der höchsten Ethik, den Abend seines Lebens in einer Zeit tiefster Finsternis und barbarischer Entartung seines Vaterlandes zuzubringen. Den Blick mit der glühenden ''Sehnsucht gegen den Himmel gerichtet und vor sich Ströme von Blut sehend, nach Freiheit und Hoheit lechzend, und um sich den Triumph der Unmenschlichkeit erblickend, — das ist das Schicksal dieses greisen Philosophen. Möge es ihm vergönnt sein, wenigstens die Morgenröte wirklicher Freiheit in Rußland noch erleben!

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