Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Graf Tolstoi und das Judentum
- Date
- 1908-11-01
- Page
- 613 (sequence 3)
- Language
- German
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lOraf Tolstoi unb das JudenLunr. 613 wahrend der Jude, seiner ganzen Natur nach, sich nach tätigem Eingriff in die Dinge, nach Leben und Kampf sehnt. Tolstoi ist im gewissen Sinne Anarchist, er verneint jegliche Herrschaft und jede Autorität. Aber er gestattet nie gewaltsame Umwälzungen, er erlaubt nie aktiven Widerstand, er erstrebt also mehr die innere als die äußere Freiheit des Menschen. Der moderne Mensch aber, und namentlich der Jude, weiß, daß ohne wirtschaftliche Gesundung und ohne politische Rechte auch eine innere Freiheit nicht möglich ist. Tolstoi verneint jede Kunst, die nicht der Moral dient. Die neueren Juden sehen, ohne den sittlichen Wert des wahrhaft Künstlerischen gering zu schätzen, doch die Hauptaufgabe der Kunst aus dem Gebiet des Schönen. Tolstoi verkündet das Heil der Menschheit in der Rückkehr von der Kultur zur Natur,, in der Entbehrung sieht er den einzigen Weg zum Glück. Der moderne Jude achtet die Fortschritte der Kultur und arbeitet gern mit an der kulturellen Entwickelung zur Verfeinerung des Lebens. Das sind weitgehende psychische Differenzen, ja, zwei getrennte Welten. Die russischen Juden sind sich dieser abweichenden Gesichtspunkte wohl bewußt. Wenn sie trotzdem Tolstoi freudigen Herzens feiern, so geschieht es vor allem aus aufrichtiger Verehrung vor jeder wirklichen Größe. Wir Juden haben stets alles Große und Schöne verehrt, und unsere Religion verpflichtet uns sogar, einen Segensspruch zu äußern, wenn wir einen Weisen sehen. Der Jude ist kritisch veranlagt und neigt zur Ironie, wo er auf Mittelmäßigkeit stößt. Er ist aber eben so leicht begeistert für alles Große und Schöne, auch da, wo er nicht mit allem einverstanden ist. Die größten Goetheverehrer in der Literatur, die begeistertsten Wagnerschwärmer in der Musik und die verzücktesten Lobsänger Böcklins in der Malerei findet man unter den heutigen Juden. Man frage jeden Theater- und Konzertdirektor, wer die häufigsten Besucher seines Instituts sind; man frage den Buchhändler, wer heute die meisten Bücher kauft und liest, und man wird die richtige Antwort bekommen. Es ist ein Irrtum, wenn man das dem größeren Wohlstand der Juden zuschreibt. Nicht unter den reichsten Juden, sondern gerade unter dem Mittelstand findet man die größte Hingabe an Kunst und Wissenschaft, , i