Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Graf Tolstoi und das Judentum
- Date
- 1908-11-01
- Page
- 612 (sequence 2)
- Language
- German
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612 Im deutschen Reich. tum ist. Denn Tolstoi lebt und denkt wie die ersten Christen gelebt und gedacht haben. Seine Religion ist die Religion der Liebe und der Barmherzigkeit und nicht die des Hasses und der Macht Entfaltung, und das bildet in Rußland den Stein des Anstoßes. Diese Heilige Synode protestiert nicht gegen die täglichen Hinrichtungen oft unschuldiger Menschen, wohl aber gegen die Dogmenlosigkeit eines treuen Anhängers des Urchristentums. Ja, Tolstoi steht ohne Dogmen da. Er ist Mensch und Christ, und beide sind in ihm verschmolzen durch Natur und Erkenntnis. Sein Christentum ist wahre, schlichte Menschlichkeit, und seine Menschlichkeit ist bis zur Heiligkeit gesteigert. Er hat mit sich und der Welt jahrzehntelang gekämpft und gerungen und hat die sittlichen Höhen der Menschheit erklommen. Er ist Gegner aller Dogmen und Schranken, aller Gewaltmaßregeln und Zwangsbestimmungen, aller Formen und Schablonen, die des Menschen Herz beengen. Er ist vor allem auch ein Feind des wichtigsten russischen Dogmas, — des Judenhasses. Daher liebt ihn die schwarze Schar der Reaktion in Ost- und Westeuropa nicht, und sie versucht es immer wieder, ihn zum Halbjuden und seine Verehrer zu Juden zu stempeln. Wie überall, wo der antisemitische Geist waltet, ist auch hier Engherzigkeit mit Unwissenheit gepaart. Diesen merkwürdigen Kritikern fehlt jedes Verständnis für die Gedankenwelt Tolstois, und es ist eine alte Regel der antisemitischen Logik: was man nicht verstehen kann, das sieht man als jüdisch an. Tolstoi ist kein Jude und auch kein Philosemit im gewöhnlichen Sinne, aber er ist ein großer freier Denker und ein edler Menschenfreund. In diesen beiden Eigenschaften mußte er ein konsequenter Gegner des Klassen- und Rassenhasses sein: so kämpfte er sein Leben hindurch gegen alles Niedrige und Gemeine in der Politik und in der Kultur. Tolstoi hat in seiner Lehre und seiner Weltanschauung viel mit dem Urchristentum, also auch mit dem abgeklärten Judentum , mit dem Judentum eines Rabbi H i ll e l gemein. Bon der Anschauung und dem Temperament der heutigen Juden der slawischen Länder trennen ihn gar viele Punkte. Die Ethik Tolstois ist passiv, sie erstrebt Duldung, Resignation,