Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 9 (September 1908)
- Article
- Verkehr mit Rußland
- Date
- 1908-09-01
- Page
- 489 (sequence 7)
- Language
- German
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Verkehr mit Rußland. 489 Fünfzig Jahre später haben russische Beamte, deren Gefühle einen Wechsel erfahren hatten und deren Vernunft durch Fanatismus verdunkelt war, den erwähnten Vorwand erfunden und ihn mit der Würde eines internationalen Arguments umhüllt. Rußland hat seine Stellung den Juden gegenüber völlig umgewandelt und eine Schreckensherrschaft eingeführt, die sie zwischen den Mühlsteinen der Armut und der Verzweiflung zerreibt. An die Stelle einer großmütigen und wohltätigen Gesetzgebung traten Bedrückung und geheime Polizeiverordnungen, die die Juden ins Elend bringen. Sie sind für die Welt ein Gegenstand des Mitleids geworden. Heute umspannt ein Gewebe von mehr als tausend- Gesetzen und Polizeiverordnungen den russischen Juden, so daß er kaum imstande ist zu sagen, ob er irgend ein anderes Recht besitzt als da zu sein, und selbst dieses kann ihm entzogen werden. Durch die russische amtliche Unfähigkeit ist eine mächtige und verletzende Judenfrage geschaffen worden. Sie begann zuerst mit der Gesetzgebung. Im Jahre 1882 wurden neue Gesetze geschaffen, die es den Juden untersagten, außerhalb der Städte und selbständigen Ortschaften Grundstücke zu kaufen oder zu pachten. 1891 wurden noch strengere Einschränkungen verfügt. Heutzutage ist die ganze jüdische Bevölkerung Rußlands, die auf über 5 Millionen Seelen geschützt wird, in den Städten des südwestlichen Gebiets zusammengepfercht, wo sie in größter Not und in Armut lebt. Ausbildung in russischen Universitäten ist ihnen in der Praxis untersagt, die öffentliche Laufbahn und die handwerksmäßige Ausbildung nahezu verschlossen. Die Freizügigkeit ist ihnen vorenthalten und um das Ganze zu krönen, werden zeitweise „Pogrome" oder halbamtliche Metzeleien veranstaltet, bei denen ganze Distrikte des ihnen gestatteten Aufenthaltsgebiets mit dem Schwert, der Flinte und der Fackel verwüstet werden. Und das ist noch nicht das letzte. Die antisemitische Bewegung setzt sich beständig fort und wird insgeheim durch die Behörden unterstützt. Nach amtlichen Ziffern sind im Laufe des Jahres 1906 durch antisemitische Aufstände, die zumeist durch Regierungsagenten hervorgerufen wurden, 22 000 Menschen verletzt worden. Ich wünsche es klar darzulegen, daß dafür die russische Verwaltung vollständig verantwortlich ist. Ueberläßt man ihn sich selbst, dann ist der russische Muschik