Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Das russische Problem
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 424 (sequence 3)
- Language
- German
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424 Im deutschen Reich. flut an, von der man annahm, sie lasse eine Steigerung nicht mehr zu. Und was spielt sich jetzt vor unseren Augen ab? Aus den dreißig- und fünfzigtausend sind es einhundertfünfzig¬ und zweihünderttausend geworden, die dem Lande blutiger Schrecken den Rücken kehrten. Nur ein Gedanke scheint den russischen Juden zu beherrschen: Los von Rußland, los um jeden Preis, los unter allen Umständen, los, wohin es auch geht, je eher, desto lieber. Das letzte Jahresergebnis, das schon unter dem-Zeichen schwerer wirtschaftlicher Depression stand, lautete immer noch 150 000*). 150 000 Juden landeten in New Jork, davon 115 000 aus Rußland. Angesichts solcher Zahlen, die ein Wirtschaftsaufschwung in den Vereinigten Staaten noch ganz anders in die Höhe schnellen wird, höre man doch endlich aus mit der Behauptung, daß das Geschick der russischen Juden von dem Geschick ihrer Volksgenossen unzertrennlich sei. Abgesehen von sonstigen Ungleichartigkeiten, schwindet den russischen Juden der russische Boden mit jedem Jahre mehr unter den Füßen. Auch die unverbesserlichsten Optimisten — und niemand war so optimistisch wie die russischen Juden selbst — sind sehr still geworden und geben unumwunden ihre Uebereilung zu. Gerade die Juden drüben waren in ihrem Jubel am unbändigsten — freilich nur wenige Tage. Denn der kurze Jubelschrei wurde bald von dem Aechzen und Stöhnen der Gemarterten laut übertönt. Die nächste Folge der dort verübten Greuel war ein Rennen, Retten, Flüchten in andere Länder. lieber die Bereinigten Staaten und England ergoß sich ein nie gesehener Strom von jüdischen Flüchtlingen. Eine Biertelmillion Juden schüttelte, von den Schrecken der Ereignisse gejagt, den russischen Staub von ihren Füßen. *) In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Februar d. I. wird unter „Nah und Fern" die Zahl der jüdischen Emigranten allein in New Uork während des Jahres 1906/07 mit 149 182 angegeben, von denen 114 932 aus Rußland stammten. Bemerken möchte ich, daß die Landungen von Juden in anderen Hafenplätzen hierin nicht eingeschlossen sind. Auch Philadelphia, Boston und Galveston wurden als Einbruchspforten benutzt, wenngleich diese Städte als Landungsstellen mit New Dort nicht entfernt verglichen werden sollen. Immerhin wurden reichlich 1000 Juden durch die „Jto" nach Galveston und von da weiter nach einzelnen aufnahmefähigen Plätzen in Texas befördert.