Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Das russische Problem
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 423 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316766-2316774-2340278--17990-2340369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das russische Problem. 423 stürzenden und im heißen Ringen kämpfenden Gewalten rufen eine Unsicherheit in der Beurteilung hervor, der gegenüber man ratlos dasteht. Nach einem sekundenlangen blitzartigen Aufleuchten ein noch tieferes Dunkel, nach einein Augenblick der Erleichterung ein Zuschnüren der Kehle, die schon frischere Luft zu trinken begonnen hatte. Wir im Westen stehen bestürzt und fassungslos da und fragen mit Entsetzen, was wird, was kann aus diesem Chaos sich ans Licht ringen. Diese Frage hält die besten Juden der Gegenwart in atemloser Spannung, sie wird nach allen Seiten hin und her gewendet, mit allen Mitteln analytischer Zerlegungskunst in ihre Atome zerpuloert, und was ist der Weisheit letzter Schluß? Nun, daß man das Ding gehen lassen muß, wie es Gott oder der russischen Regierung gefällt. Nach dem unerforschlichen Willen der Vorsehung sind die Juden unauflöslich mit der russischen Erde verwachsen, von der loszukommen eine Auflehnung gegen das eherne Naturgesetz sei. Das endgültige Geschick der Juden, so lautet das Orakel fast einstimmig, deckt sich mit dem des russischen Volkes. Daß das nichts anderes als ein Todesurteil ist, scheint die bis ans Herz hinein ruhigen Kritiker nicht sonderlich anzufechten. Wer weiß, vielleicht haben die Unentwegten in Spanien um 1450 ähnlich gesprochen„Wir sind ein untrennbarer Bestandteil der spanischen Nation, unsere heiße Vaterlandsliebe gebietet, allen Verfolgungen zum Trotz auszuharren, und wir können uns ein Leben ohne spanische Luft und spanische Erde nicht vorstellen." Die russischen Juden haben zu solchen pathetischen Beteuerungen keine Zeit. Sie überlassen das den müßigen Zuschauern des Westens. Aber was sie nicht in Worten sagen, das sagen sie um so eindringlicher und erschütternder in der unendlichen Massenflucht aus dem Lande, das für sie das Grab bedeutet, um in einem anderen Lande zu einem menschenwürdigeren Leben aufzuerstehen. Die Sprache der Ziffern, die von dieser Völkerwanderung erzählt, ist wahrlich beredt und lebendig genug, um ihren Prophezeiungen von den ewigen Fesseln, die die Juden an Rußland binden sollten, Lügen zu strafen. Schon in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts schwoll der Auswandererftrom zu einer Hoch-