Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Der Kindesraub von Bologna vor 50 Jahren
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 417 (sequence 7)
- Language
- German
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Der Kindesraub von Bologna vor 50 Jahren. 417 Charakteristisch für die traurige Lage der Juden in Rom war der Umstand, daß sie nicht wagten, für Mortara ein Gesuch zu unterbreiten. Es war anfänglich wohl darauf abgesehen, aber es unterblieb, weil sich die römischen Rabbiner an eine Antwort Pius IX. erinnerten, die ihnen vor noch nicht langer Zeit zuteil geworden war und die nicht sehr aufmunternd klang. Hart an der Brücke, die die Tiberinsel mit dem linken Flußufer verbindet, lag eine katholische Kirche, in der jeder in Rom wohnende Jude die Bekehrnngspredigten eines Dominikanermönchs hören mußte. Daß diese Zwangsmaßreget nie eine gute Frucht getragen hat, versteht sich wohl von selbst und da heimliche Angeberei über das Fehlen des einen oder anderen in der Predigt den Israeliten das Institut noch gehässiger machte, wurde an den Papst die Bitte gerichtet, den heimlichen Denunziationen des Vikariats kein Gehör zu schenken. In dem Gesuch war mit besonderer Genugtuung auf die duldsame Gesinnung Se. Heiligkeit beim Antritt seiner Regierung hingewiesen, infolge deren die eisernen Gittertüren, durch welche das Ghetto jeden Abend gesperrt wurde, unter Trommelwirbel und Trompetenschall niedergerissen und seitdem nicht mehr aufgerichtet worden. Doch der Papst sandte das Gesuch mit der Randbemerkung zurück: „Gestern ist nicht heute." Nachdem fast ein ganzes Jahr vergangen war und die Kurie sich allen Petitionen gegenüber in undurchdringliches Schweigen gehüllt hatte, machte sich ertMici) Sir Moses Montefiore im April 1859 auf den Weg nach Rom auf, um bei dem Papst eine Audienz zu erwirken und in derselben seine Bitte um die Freigebung des kleinen Edgar Mortara vorzubringen. Aber obschon er alles versuchte und keine Opfer scheute, um von Sr. Heiligkeit empfangen zu werden, gelang ihm dies Glicht. In einem hochinteressanten Schreiben gab der berühmte Philanthrop im August des genannten Jahres an die Londoner Deputierten-Kommission der britischen Juden Bericht über seine Mission, die trotz aller Bemühungen mit einem Mißerfolg endete. Allmählich erlahmte das Interesse für diese tragische Sache in der Öffentlichkeit und in der Presse. Als die unglücklichen Eltern sahen, daß alle Fürsprachen der Mächtigen dieser Erde ihnen nichts helfen konnten, schüttelten sie den Staub