Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Der Kindesraub von Bologna vor 50 Jahren
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 415 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316766-2316774-2340277--17980-2340361- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Kindesraub von Bologna vor 50 Jahren. 415 wußte, daß der Kaiser der Franzosen es gar nicht so böse meine und ihm kein Haar krümmen werde, wenn er auf seinem Vorsatz, den kleinen Mortara versteckt zu halten und seinen Eltern nicht auszuliefern, beharren werde. Ter Kardinal Antonelli ließ die Note der französischen Regierung lange unbeantwortet und als der französische Gesandte am römischen Hof, der Herzog von Grammont, sich persönlich anweldete, um endlich Bescheid zu erhalten, hatte er mit ihm eine sehr lebhafte, aber resultatlose Debatte. Der Gesandte begab sich hierauf zum Papst, wo er jedoch auch keine bessere Auskunft erlangte. Es verlautete damals nichts darüber, daß die französische Regierung ihrem Vertreter am Vatikan neuere und dringendere Instruktionen in dieser Sache erteilt habe. Rur soviel wurde bekannt, daß die Mortara-Sache im französischen Ministerrat besprochen wurde, und daß der Unterrichtsminister im Sinne Napoleons III. sein Votum dahin ab gab, daß das Dogma den Ausschlag geben müsse und daß man sich in die inneren Angelegenheiten des Kirchenstaates nicht hineinmischen dürfe. Die sardinische Regierung ließ gleichfalls durch ihren Gesandten zu Rom Einsprache gegen das innegehaltene, aller Menschlichkeit und aller Gerechtigkeit Hohn sprechende Verfahren erheben. Doch auch diese Vorstellung ließ den Papst ungerührt, weil er davon überzeugt war, daß ihm des armen Knaben Mortara wegen keine europäische Macht ernstliche Angelegenheiten bereiten werde. Am rührigsten zeigte sich England. Das unter dem Vorsitz des Sir Moses Montesiore tagende Mortara-Spezial- Komitee hielt fleißig Sitzungen ab. Der damalige englische Minister des Auswärtigen, Lord Malmesbury, zeigte sich diesen Bestrebungen des Komitees gegenüber sehr entgegenkommend. Er erklärte Montesiore, daß er die Wichtigkeit des Falles für die protestantische Welt und das Prinzip der Glaubensfreiheit überhaupt überaus lebhaft empfinde und daß die englische Regierung mit der französischen Zusammenwirken wolle, um die Herausgabe des geraubten Kindes zu erwirken. Ebenso machte sich fast die gesamte englische Presse zürn Dolmetsch der Absichten des Komittees, indem sie mit edelstem Eifer ihm sekundierte. Montesiore wandte sich an alle Westmächte und beantragte, den Erfolg der Verwendung derselben