Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Der Kindesraub von Bologna vor 50 Jahren
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 412 (sequence 2)
- Language
- German
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412 Im deutschen Reich. die in Begleitung eines Polizeiagenten im Hause des Kaufmanns erschienen, aus den Armen gerissen und entführt. Aus die Frage des vor Schreck fast gelähmten Vaters, warum dies geschähe, wurde ihm der Bescheid, daß das Kind vor etwa zwei Jahren in Todesgefahr geschwebt habe,, und da habe es die Magd getauft. Diese Tatsache genüge, um das Kind seiner Familie zu entreißen, damit es nicht wieder in die alte Ketzerei zurückfalle. Alle Bitten und alles verzweifelte Flehen der Eltern halsen nichts, und die Behörden, an die sie sich wandten, um ihr Kind wieder zurück zu erlangen, oder doch wenigstens Nachricht von demselben zu erhalten, waren Laub gegen alle Eingaben. Ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz Italien und durch alle zivilisierten Länder, die von diesem Gewaltstreich erfuhren. Die israelitischen Gemeinden im Königreich Sardinien richteten Rundschreiben an die europäische Presse, worin sie die Bitte aussprachen, durch die Stimme der öffentlichen Meinung die Befreiung des Kindes herbeizusühren. Außerdem richteten die Vorstände der sardinischen Gemeinden eine Eingabe an die sardinische Regierung, damit diese sich für die Befreiung des geraubten Knaben beim römischen Hose verwende. Auch wandten sie sich an das Zentralkonsistorium der Israeliten Frankreichs und an die Vertreter wer englischen Israeliten, sie ersuchend, die Bedeutung des Vorfalls aufs ernsteste in Beratung zu ziehen und bei ihren Regierungen Schritte zu tun, damit in Zukunft weder im Kirchenstaat noch anderswo die Ruhe und der Frieden jüdischer Familien im Namen der Religion gestört werde. Obschon der Ausruf der sardinischen israelitischen Gemeinden sich nicht auch speziell an die deutschen Juden richtete, so regte doch die ruchlose Tat auch diese zu energischen Schritten an. Die Rabbiner Preußens und Deutschlands beschlossen, bei dem Papste Pius IX., dem damaligen Beherrscher des Kirchenstaates, vorstellig zu werden, damit er nachdrücklich sich gegen die geschehene Vergewaltigung ausspreche und die Ungesetzmäßigkeit solcher Missetaten brandmarke. Tie Gebildeten aller Völker lebten in dem Glauben, daß vom Vatikan aus in kürzester Frist eine Erklärung erlassen