Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Der Kindesraub von Bologna vor 50 Jahren
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 411 (sequence 1)
- Language
- German
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Der Kindesraub von Bologna vor 50 Jahren. 411 Aer Kindesraub von Bologna vor 50 Jahren. Lin GedenkblatL znnr 23. Juni 1838. Von Dr. A d 0 l p h K o h u t in Berlin. Die Geschichte ist die Lehrmeisterin der Völker, und die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Wie sehr auch unsere Zeit das Aktuelle berücksichtigt, dem Augenblicke lebt und nicht gern in die Vergangenheit zurückblickt, so wird sie doch manchmal gezwungen, der vergangenen Tage sich zu erinnern, Vergleiche zwischen einst und jetzt anzustellen, und über die Nutzanwendung derselben nachzudenken. Vor einem halben Jahrhundert, als der römische Kirchenstaat noch mächtig dastand, und der Vatikan die ganze christliche oder doch katholische Wett zu beherrschen suchte, als es noch kein einiges Italien gab, blühte die gewaltsame Proselytenmacherei des Klerus in üppiger Weise. Gewissensfreiheit und Duldsamkeit waren in Rom unbekannte Begriffe, und die Seelenfängerei und Himmlische Taufe wurden als gar gottgefällige Werke gepriesen, besonders, wenn es galt, eine jüdische Seele einzufangen und zu Nutz und Frommen der Kirche zu retten. Wie ein greller Blitz beleuchtet diese Zustände vor einem halben Jahrundert der ruchlose Kindesraub, der in Bologna am 23. Juni 1858 an dem kleinen Edgardo Mortara verübt wurde. Mit welcher Dreistigkeit und Mißachtung aller menschlichen und göttlichen Rechte der verfolgungssüchtige und skrupellose Fanatismus vorging, wie er Monate, ja Jahre hindurch Orgien feierte, ohne daß sich das gebildete Europa gegen eine solche Vergewaltigung erhoben Hütte, beweist diese cause celebre, die damals mit Recht ungeheures Aufsehen erregte und deren Erzählung auch noch heute von Interesse sein dürfte. In der Stadt Bologna mit seiner berühmten Universität, der ältesten Europas, die vor 20 Jahren ihr 800 jähriges Jubiläum feierte, sah es vor 50 Jahren noch sehr mittelalterlich aus. Sie stand unter der Herrschaft des Krummstabes, und der pfäsfische Geist beherrschte das ganze öffentliche Leben. Eines Tages, am 23. Juni 1858, wurde einem dortigen jüdischen Einwohner, namens Manolo M o r t a r a , plötzlich sein sechsjähriger Sohn von päpstlichen Gendarmen,