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Im deutschen Reich · 1908-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1908) · p. 407

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
14 (1908)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1908)
Article
Der Humanist Reichlin als Verteidiger des jüdischen Schrifttums
Date
1908-07-01
Page
407 (sequence 5)
Language
German
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Der Humanist Reuchlin als Verteidiger des jüdischen Schrifttums. 407 werfen, sondern an den Papst appellieren zu wollen. Auch Reuchlin wandte sich an den Papst mit der Bitte, die Sache ohne viel Geräusch und große Kosten zu entscheiden; dieses Gesuch wurde vom Kaiser, verschiedenen Fürsten, worunter auch Markgraf Friedrich von Baden sich befand, fünf Bischöfen, dreizehn Aebten und 53 schwäbischen Städten unterstützt. Um für sich Stimmung zu machen, veröffentlichten die Kölner die UniversitätsgutachLen mit einer von Ortuinus Gratius geschriebenen Vorrede. Reuchlin veröffentlichte dagegen eine Sammlung von Briefen, welche gelehrte und berühmte Männer an ihn gerichtet hatten. Diese epistolae clarorum virorum erschienen mehrere Jahre später in erweiterter Form unter dem Titel: „illustrium virorum epistolae“, denen ein Verzeichnis von 43 Reuchlinisten vorangestellt ist. Auch unter den Namen Pfefferkorns erschien wieder eine Schrift „Sturmglock" betitelt, in der er zum Sturm rief wider die Juden und wider Reuchlin. Ter Prozeß zog sich in Rom lange hin; der Papst übertrug die Entscheidung einer Kommission von 18 Prälaten. Bei der Endabstimmung am 2. Juli 1516 gaben alle, mit Ausnahme des magister sacri palatii, des Dominikaners Sylvester Prierias, ihre Stimmen für den Augenspiegel und gegen seine Ankläger ab. Der Papst machte jedoch, sei es aus Rücksicht für den mächtigen Dominikanerorden, sei es, daß er Bedenken trug, die sich bemerkbar machende freiere Richtung der Geister zu stärken, diesen Spruch nicht zu dein seinigen und erließ ein mandatum de supersedendo, d. h. die Angelegenheit wurde nicht entschieden, sondern niedergeschlagen. Wenn nun auch dieser Ausgang Reuchlin nicht befriedigte, so hatte er doch andererseits die Genugtuung, daß sich um ihn alle gelehrten Männer von Namen und Ansehen scharten. „Bei Gelegenheit dieses Handels", sagt David Friedrich Strauß, „lernte sich die Fortschrittspartei zuerst als geschlossene Macht fühlen". Aus diesem Kreise gingen auch die literae obscurorum virorum hervor, jene bekannte Satire, welche die Gegner Reuchlins dem Spotte nicht nur der gelehrten, sondern der ganzen damaligen gebildeten Welt preisgab. Der Adressat dieser fingierten Briefe ist Ortuinus Gratius, der literarische Handlanger und poetische Schildhalter der Kölner Theologen.

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