Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1908)
- Article
- Der Humanist Reichlin als Verteidiger des jüdischen Schrifttums
- Date
- 1908-07-01
- Page
- 404 (sequence 2)
- Language
- German
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404 Im deutschen Reich. geordnet sind, 3. eine Widerlegung der von Reuchlin zuerst lateinisch und dann deutsch gegebenen Erklärungen. Der Schrift ist ein Gedicht des Ortuinus Gratius, der an der Kölner Universität donas literas dozierte, beigegeben, worin dieser über den von Reuchlin begangenen Frevel die Unterwelt triumphieren, die Himmlischen aber trauern läßt und zuletzt ein pereat ausruft über Reuchlin und seine Schriften zur Hölle verdammt. Ter Schrecken, der sich Reuchlins, wie wir gehört haben, beim ersten Empfang dieser Schrift bemächtigt hatte, schwand bald. Er schreibt in demselben Briefe an Hiltebrand: als er die Schrift von neuem durchgelesen und erkannt hätte, wie töricht doch diejenigen feien, die von der Menge für weise gehalten würden, wie heuchlerisch und schlecht sie seien, da habe ihn frischer Mut beseelt und er habe sich vorgenvmmen, ihnen entgegenzutreten. Wie geistlos seine Gegner in Wirklichkeit waren, ergibt sich daraus, daß Arnold von Tungern seine 44 propOsniones den von Reuchlin in seiner Deklaration aufgestellten Selbsteinwürfen entnommen hatte. Es dauerte einige Monate, bis Reuchlin mit einer größeren Gegenschrift auf dem Plan erschien. Inzwischen ruhten die Kölner nicht. Als der Kaiser auf einer Reise nach Köln kam, überredeten sie ihn, einen Befehl an die Kurfürsten und an den Rat der Stadt Frankfurt zu erlassen, wonach alle vorhandenen Exemplare des Augenspiegels konfisziert werden sollten. Auch eine deutsche Schrift „Brandspiegel" erschien unter Pfefferkorns Namen, die mit maßloser Heftigkeit gegen die Juden und gegen Reuchlin auftrat. Bezüglich der Juden verlangte das Libell, man möge die Erwachsenen austreiben, die Kinder aber ihnen wegnehmen und Laufen „und man sol nit warten heut, morgen oder übermorgen, sondern von stunt an, so must es geschehen". Gegen Reuchlin werden die alten Beschuldigungen wiederholt, er verstände kein Hebräisch und sei mit jüdischem Gelde bestochen. Nun ließ aber auch Reuchlin seinem Unmut die Zügel schießen. Im März 1ö13_ erschien seine Defensio contra calumniatores Colonienses (Verteidigung gegen die Kölner Verleumder), welche Schrift er dem Kaiser zueignete. Als summarium libri stellt er den Satz an die Spitze: „Welcher schreibt oder sagt, das ich obgenannter Doctor in meinem