Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-06-01
- Page
- 369 (sequence 3)
- Language
- German
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Bereinsuachrichten. 369 Lehre des Judentums völlig unbeachtet. Der Vortragende bezeichnte es als ein unvergängliches Verdienst Gabriel Rießers, daß er dieser Tendenz gegenüber in jener Zeit mannhaft für den Grundsatz eintrat, daß die Rechte der Juden unzertrennlich seien von der Rechtsstellung der jüdischen Religion und daß die Gleichberechtigung der Juden erst dann eine vollständige sein könne, wenn der Staat die jüdische Religion als eine anerkannte würdige und schütze. Für die Männer der Paulskirche war im Jahre 1848 die Frage der Gleichberechtigung eine Hauptsache; mit der politischen Reaktion tauchte aber bald darauf die Fiktion des „Christlichen Staates" auf, die die Juden jahrelang wieder empfindlich schädigte, bis die liberale Aera ihre Lage aufs neue wesentlich verbesserte. Ter Umschwung der Wirtschaftspolitik, dem sich später die zu den Führern der Liberalen gehörenden Juden Bamberger und Lasker entgegenstellten, ließ es dem leitenden Staatsmann angezeigt erscheinen, die im Jahre 1878 entstandene antisemitische Bewegung zu fördern, um in den Juden den Liberalismus zu treffen, der an die Wand gedrückt werden sollte. Die Haupterrungenschaft der Juden während der Blütezeit des Liberalismus, das Gesetz vom 3. Juli 1869, blieb seitdem zwar bestehen, aber es kam nicht zur vollen Anwendung, und was die Politik nicht zum Nachteil der Juden bewirkte, das taten der von Stöcker entfachte Religionshaß und die von schönrednerischen Pseudogelehrten verbreitete Rassentheorie. Seitdem sind die preußischen Juden nicht viel weiter gekommen. Nach dem klaren Wortlaut der Verfassung sind sie gleichberechtigt, nach dem Bundesgesetz vom Jahre 1869 stehen ihnen alle Aemter offen, zu denen sie die nötigen Fähigkeiten besitzen, in Wirklichkeit aber finden sie in der Verwaltung keine Anstellung, und die militärische Laufbahn ist ihnen nahezu vollständig verschlossen, während in Staaten, die Verbündete des deutschen Reiches sind, Juden in den Heeren hohe Stellungen bekleiden und sich in diesen bewähren. Die konservativ-liberale Paarung hat bis jetzt auch noch nicht dazu geführt, die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Juden durchzusetzen. Um so nötiger ist es, daß sich die preußischen Juden am politischen Leben beteiligen und in einer. epochalen Zeit beweisen, daß diese kein kleines Geschlecht findet, daß sie sich auch fest zusammen-