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Im deutschen Reich · 1908-06-01 · Heft 6 (Juni 1908) · p. 333

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
14 (1908)
Issue
Heft 6 (Juni 1908)
Article
Der Humanist Reuchlin als Verteidiger des jüdischen Schrifttums
Date
1908-06-01
Page
333 (sequence 2)
Language
German
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Der Humanist Reuchlin als Verteidiger des jüdischen Schrifttums. 333 wenn einer die Mathematiker oder Philosophen bekämpfen wollte, ohne von Mathematik oder Philosophie etwas zu verstehen? Wenn man sich aber darauf berufen wollte, daß es einzelne Schriften gebe, die den Talmud als gefährlich hinstellen, so sei es doch eine einfache Forderung der Billigkeit, auch die andere Partei zu hören. Man habe auch früher nie gefordert, daß der Talmud vernichtet werden solle, und damals sei mau doch viel fester im Glauben gewesen als in der Gegenwart. Nur jetzt verlangten zwei getaufte Juden, Petrus Nigrinus (Peter Schwarz) und Johannes Pfefferkorn seine Vernichtung, von ihnen aber gelte das Wort Pauli im Römerbrief: „Sie eifern um Gott, aber mit Unverstand". Er schließt diesen Punkt mit den Worten: „So viel sei gesagt von der ersten ursach meines ratschlags gegrüudt uff die wort sanet Pauls da er spricht: Es müssen von not aberglauben und irrthumb sein, darumb daß die rechtgleubigen bewert erscheinen"... Reuchlin will er aus dem Neuen Testament selbst beweisen, daß der Talmud erhalten bleiben müsse, weil Jesus nach dem Evangelium Johannis gesagt habe: „Erfragent, fucheut oder erforschent die schrifften, so vil ir weuen in denselben das ewig leben zu haben, und dieselbigen sind von mir zeugnus gebende". Mit diesen Schriften seien die Aufzeichnungen der Rabbinen gemeint, aus denen der Talmud entstanden sei. Reuchlin sagt: Sei im Talmud doch auch manches Gute enthalten, und wenn es Menschen gäbe, die in demselben nur Böses fänden, so läge das nicht an den Schriften, sondern an den Menschen. Uebrigens dürfe man manches nicht nach dem Buchstaben, sondern nur in einem höheren Sinne nehmen, wie ja dies auch vielfach bei der h. Schrift der Fall sei. In den alten Werken der Dichtkunst ständen viel schlimmere Sachen als im Talmud, und dennoch denke niemand daran, sie zu beseitigen. Etwas ganz anderes fei es, wenn die Kirche ketzerische Schriften verbrenne, aber auch diese erst nach Urteil und Recht, d. h. nach einem geordneten Gerichtsverfahren; die Ketzer seien als Christen der Kirche unterworfen, darum habe die Kirche das Recht, über sie zu urteilen, die Juden aber seien keine Ketzer, und über den jüdischen Glauben oder Unglauben zu urteilen, habe die Kirche kein Recht. „Denn sie sind kein glid der erfreulichen

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