Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-05-01
- Page
- 292 (sequence 4)
- Language
- German
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292 Im deutschen Reich. weise erwarten konnte. Gegen die Wahltaktik, die der Verfasser des erwähnten Artikels schließlich dem Central-Verein empfiehlt, ist nur einzuwenden, daß der Ratgeber dabei von dem fundamentalen Irrtum ausgeht, der Central- Verein habe nach dem bisherigen Usus seine Wahitätigkeit ausschließlich darauf beschränkt, den freisinnigen Parteien die Kosten ihres Wahlkampfes zu bestreiten. Wollten wir zur . Belehrung des strengen Kritikers darüber an dieser Stelle genaue Auskunft geben, so würde die von ihm gewünschte ,,aktive Judenpolitik" dadurch nicht gefördert, sondern empfindlich geschädigt und nur den antisemitischen Wahlausschüssen in verschiedenen preußischen Landesteilen die erwünschte Möglichkeit geboten werden, nicht nur, wie bei der Wahl im Kreise Emden-Norden-Leer, einen ihnen unbequemen Gegenkandidaten als Schützling des Central-Vereins zu bezeichnen, sondern auch gegen jede Kundgebung anderer sie bekämpfenden Parteien den Ruf zu erheben: „Der Central-Verein ist es, der jetzt ruft!" Tie politischen Aussichten sind für die Juden in Preußen noch nicht rosig, aber sie sind es auch nicht für ihre offenen Gegner, vielmehr zeigt sich in den antisemitischen Gruppen ein unverkennbares Abflauen. Der Zersetzungsprozeß in. der „Reformpartei" ist ebenso wie in dem „Deutschen Volksbunde" im beständigen Fortschreiten, und die bisher einflußreichste antisemitische Fraktion, die zugleich die sogenannte „Wirtschaftliche Vereinigung" beherrschende „Deutsch-soziale Partei" hat es durch das vollständige Fiasko im Reichstagswahlkreise Emden-Norden-Leer derartig bei ihren konservativen und agrarischen Gönnern verschüttet, daß sie sich von dieser Niederlage nic£)t sobald erholen wird. In dem Bericht vor der Stichwahl wurden gegen die deutsch-sozialen Politiker in der ihnen früher günstig gesinnten konservativen Presse Vorwürfe erhoben, die nach dem Endergebnis sich noch wesentlich verstärkten. Die „Post" schrieb schon am 26. März: „Man erkennt jetzt auch in weiteren Kreisen deutlich, wie töricht es war, eine antisemitische Kandidatur in O st - friesland inszeniere:: wollen, und wie kurzsichtig die Konservativen unb der Bund der Landwirte waren, auf diesen