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Im deutschen Reich · 1908-05-01 · Heft 5 (Mai 1908) · p. 272

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
14 (1908)
Issue
Heft 5 (Mai 1908)
Article
Die Reichstagsverhandlungen über die Zurücksetzungen der jüdischen Einjährig-Freiwilligen
Date
1908-05-01
Page
272 (sequence 7)
Language
German
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72 Im deutschen Reich. falls um einen überaus tüchtigen Mann nach dem Urteil der militärischen Behörden selbst. An den Einjährigen Oppenheimer wird herangetreten von einem Oberleutnant, der Mitglied der Wahlprüfungskommission ist, und zwar mit der Frage, ob er geneigt sei, seinen jüdischen Glauben aufzugeben und zur christlichen Religion überzutreten, und zwar wird diese Frage gestellt mit dem ausdrücklichen Hinweis auf das Offizierkorps, das ihn gern wählen, ihn gern in seiner Mitte sehen möchte. Meine Herren, ich versage es mir in Rücksicht auf die eng bemessene Zeit, weitere Fälle des näheren darzulegen; aber ich glaube, daß jeder unbefangene Prüfer dieser Verhältnisse die Ueberzeugung gewinnen wird, daß, wenn es auch nicht ausgesprochen wird, in Wirklichkeit die Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben ausschlaggebend dafür ist, ob ein junger Mann zum Reserveoffizier als tauglich befunden wird oder nicht. Meine Herren, der Herr Reichskanzler hat zugesagt, mehr als bisher liberalen Anschauungen Rechnung zu tragen. Es genügt aber nicht, diese Zusage in der Weise nur zu erfüllen, daß man sich bemüht, liberale Gesetze zustande zu bringen, sondern ebenso wichtig, wie liberale Gesetze, ist es, die Verwaltung in liberale Bahnen zu leiten. (Sehr richtig! links.) Wir verkennen nicht, daß hier viele und schwere Hindernisse zu überwinden sind, daß der Herr Reichskanzler und auch die militärischen Behörden beim besten Willen oft nicht in der Lage sein werden, ihre Anschauungen durchzusetzen und zur Tat werden zu lassen. Wie schwer es nach der Richtung hin ist, Wandel zu schaffen, hat mir eine Mitteilung aus letzter Zeit, aus Minden, bewiesen, wo bei der letzten Reichstagswahl das dortige militärische Kommando einen Reserveoffizier verwarnt hat, wie bisher für den freisinnigen Kandidaten, den überaus hochgeachteten Brauereidirektor Kiel in Minden, einzutreten. Wenn das jetzt bei den letzten Wahlen geschah, so kann man verstehen, nüe nach anderer Richtung hin alle Bemühungen der Behörden vergeblich gewesen sind. Der Herr Reichskanzler hat ferner im preußischen Abgeordnetenhause ausgeführt, daß bei den bevorstehenden Landtagswahlen es Aufgabe der Behörden sein werde, volle Unparteilichkeit walten zu lassen.

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