Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 4 (April 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-04-01
- Page
- 214 (sequence 3)
- Language
- German
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214 Im deutschen Reich. widersinnigeren Rassenvorurteil nicht freimachen kann. In dieser Beziehung wird man oft an das Wort Lessings erinnert: „Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten". Aus ähnlicher Empfindung heraus macht wohl auch der „Berliner Börsen-Courier" auf eine bezügliche Kontroverse in einem Organ der sonst vorurteilslosesten Kreise mit folgenden Worten aufmerksam: „Anter Juden und Ariern" verbreitet sich eine sehr interessante Auslassung, von P. I. unterzeichnet, in der „Ethischen Kultur"; wir lesen da u. a.: „Wenn die Juden jetzt anfangen zu empfinden wie die Arier" — — dieses Juwel eines Satzteils habe ich mir erlaubt, mit Genehmigung der Redaktion, von der anspruchslosen Sprechsaalecke der jüngsten Nummer dieses Blattes, wo es leicht zu übersehen war, herauszuholen und, wie es sich für Juwelen schickt, für alle Welt sichtbar, in die volle, Helle Schaufensterbeleuchtung von großen, an der Spitze prangenden Drucktypen zu rücken. Es wäre doch schade gewesen! — Also fünfzig bezw. sechzig Jahre nach dem Tode Heines und Felix Mendelssohn-Bartholdhs, die die Klangfarbe des deutschen Volksgemüts, wie männiglich bekannt, mit am wunderbarsten zu treffen verstanden, gerade hundert Jahre, nachdem die edelste Auslese vornehm empfindender Menschen im Salon einer Rahel Levin sich zusammengefunden, fangen jetzt — vielleicht? — die Juden an zu empfinden wie die Arier? Wie merkwürdig, könnte man meinen, daß, als die Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt a. M., auch bereits vor sechzig Jahren, einem Gabriel Rießer lauschte, ja als diese erlauchte Schar den Juden Eduard Simson an ihre Spitze berief und ihn für würdig hielt, namens der Erwählten des deutschen Volkes dem Könige von Preußen die Kaiserkrone anzubieten, keiner etwas davon gemerkt hat, daß diese Leute „keine Deutsche", keine Arier seien, sondern andrs empfindende Fremde. Ja, als eine Unzahl hochgebildeter deutscher Männer im Zeichen Goethes nach einer dauernden Vereinigung strebte und für die Stellung des obersten Leiters nach einer besonders kongenialen, des großen Mannes würdigsten Persönlichkeit ausschaute, fanden die in Weimar