Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-02-01
- Page
- 95 (sequence 12)
- Language
- German
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Umschau. 95 Lueger fein und seiner Deutsch-Sozialen Spezialfreund sei. Die Bewegung in Oesterreich nenne sich christlich-sozial, sei auch „ein wenig antisemitisch". Mit diesen Worten suchte Liebermann seine österreichischen Geistesverwandten von sich abzuschütteln. Daß Lueger und Konsorten nur „ein wenig antisemitisch" sind, ist eine neue Entdeckung Liebermann v. Sonnenbergs, für die ihm Lueger kaum dankbar sein dürfte. Ohnehin ist die von Lueger errichtete christlich-soziale oder richtiger „antisemitische Gesellschaft mit beschränkter Haftung", die in Wien und in ganz Oesterreich wirtschaftet, der österreichischen radikalen antisemitischen Presse noch viel zu wenig judenhetzerisch; sie wird deshalb besonders oft von den: antisemitischen Terroristen zurechtgewiesen. So ist der von Lueger an den Regierungstisch gebrachte Minister Dr. Geßmann von dem „Deutschen Bolksblatt" Verganis wegen seiner angeblichen Aeußerung, der Antisemitismus sei in dem Programm der Christlich-Sozialen nicht enthalten, ziemlich grob zur Rede gestellt worden. Er schrieb deshalb schleunigst von Mailand ans an das „Deutsche Bolksblatt": „Vom Antisemitismus geschah in dem Gespräche mit dem Vertreter des „Pesti Naplo" gar keine Erwähnung. Ich stehe somit nach nne vor auf dem Programme der christlich-sozialen Partei, wie dasselbe anläßlich der letzten Reichsratswahlen auf unserem Parteitage beschlossen wurde." Offenbar ist der Antisemit Bergani eine Macht, mit der Lueger und seine Trabanten rechnen müssen. Wie das von ihm herausgegebene „Deutsche Bolksblatt" „antisemitische Wahrhaftigkeit" iibr, hat sich wieder kürzlich gezeigt, als es einen frechen Einbrecher, 'namens Leopold Gold s ch m idt, dessen arische Abstammung feutm zu bezweifeln war, ohne weiteres zum Juden machte uiib den Kassen einbruch im Arsenal zur Beschimpfung des Judentums im allgemeinen itrtb Taufender jüdischer Soldaten im besonderen ansnützte. Das „Deutsche Bolksblatt" hatte wieder einmal itaef) seinem alten bewährten Rezept gearbeitet: es stempelte zunächst einen Verbrecher zum Juden und machte dann alle Juden fiir dessen Tat verantwortlich. Als sich die Richtzugehörigkeit Goldschmidts zum Judentum deutlich herausstellte, schrieb das „Bolksblatt" mit klaren Lettern von einem „Judenstämmling": dann aber, als auch die jüdische Abstammung des Einbrechers sich als unzutreffend erwies, ver-