Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1908-02-01
- Page
- 85 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 85 Recht und Freiheit lieb sind. Daß dieses Streben sich jetzt so wenig geltend macht, erklärt sich nur aus der betrübenden Erfahrung, daß der beständigen Frage der „Opportunität", der Nützlichkeit eines Verhaltens, mehr als je eine Berechtigung zuerkannt wird, die ihr tatsächlich nicht gebührt. Das ist nicht die Schuld der Regierung, sondern hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß durch die antisemitischen Bolksaufwiegler zur Förderung ihrer Parteiintern ssen nicht nur seit Jahren ungehindert die Rechtsbegriffe bezüglich der Zulässigkeit der Entrechtung harmloser Mitbürger systematisch verwirrt, sondern auch der Wert der allgemeinen Bürgerfreiheit durch Einimpfung einer ungesunden Streberei rücksichtslos herabgesetzt worden ist. Dem Antisemitismus, der eine Ausgeburt des Knecht sinn es ist, nicht der sogenannten „Herrenmoral", ist es zuzuschreiben, wenn Freiheit rrnö Recht nicht mehr überall als unzertrennliche Ideale angesehen werden, wenn manche deutsche Männer nicht nur verbriefte Gesetze mißachten, sondern auch ihren Bürgerstolz verleugnen und sich wieder in die Zeit der Hörigkeit, der Frohnden, des Zunftzwanges, der Gebundenheit an die Scholle des Geburtsorts und jener konfessionellen Beschränkungen zurücksehnen, in der einst mit der Regierung auch das Religionsbekenntnis der Bevölkerung zu wechseln pflegte. In dem Lande, in dem ein erleuchteter Fürst einst erklärte, er fei es müde, über Sklaven zu herrschen, muten jetzt Sklavenseelen es dem deutschen Volke zu, sich wieder den „ägyptischen Fleischtöpfen" zuzuwenden, die ihnen die von der Romantik der mittelalterlichen Gespensterzeit rosig umhüllte Reaktion anbietet. Es ist hohe Zeit, daß sich die Bürgerschaft von diesen Knechten, die nicht nur ihre jüdischen Mitbürger zu Knechten, sondern ihre gesamten Mitbürger wieder unfrei machen wollen, abwendet und mit der Losung „Recht und Freiheit!" alle rückschrittlichen Bestrebungen vereitelt. Das ist eine wahrhaft staatserhaltende Losung in einem Reiche, dessen Kaiser erklärte: „Recht muß Recht bleiben!" und in dem Theodor Storm, die Jmponderabilienpolitik, sowie die „Opportunitätswirtschast" mit den Worten geißelte: