Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Die Ehre und das Judentum
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 15 (sequence 15)
- Language
- German
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Die Ehre und das Judentum. 15 Als ich heute am Schaufenster einer Buchhandlung vorüber ging, fiel mein Blick auf ein Buch, das den Titel führt: „Im Kampfe für des Vaterlandes Ehre." Für die Geschichte der Juden in allen Ländern, wenigstens im letzten Jahrhundert, könnte man keine bessere und treffendere Aufschrift wählen, als „Im Kampfe für des Vaterlandes Ehre." Dresse war und ist auch unsere eigene Ehre! So oft dem Vaterlande eine Gefahr drohte, gaben Juden Beweise ihres glühenden Patriotismus, brachten sie Opfer an Gut und Blut. Man bringt jetzt in verschiedenen Orten Gedenktafeln an, aus denen die Namen gefallener Soldaten verzeichnet sind. Ich fand auf jeder Gedenktafel, die ich bis jetzt sah, auch jüdische Namen. Groß ist die Zahl jüdischer Soldaten, die auf dem Felde der Ehre fielen. Ein kleines Mädchen fragte einst die Großmutter: Großmütterchen! Warum bist Du so runzelig?" Da gab die Matrone zur Antwort: „Mein Kind, auch ich war einmal jung und schön, aber jetzt bin ich alt. Auch Deine Mutter wird einst Falten und Runzeln bekommen." Da sprach das Mädchen: „Nein, meine Mutter bleibt immer schön!" Wir Juden haben stets eine solch rührende kindliche Anhänglichkeit gezeigt. Würden wir ehedem und werden wir auch heute noch wie Stiefkinder behandelt, unsere Mutter, das Vaterland, bleibt dennoch in unseren Augen immer schön! Dadurch aber, daß wir Juden Vaterlandsliebe mit Weltbürgertum paaren, lehren wir die Staaten, sich über den Rasseninstinkt zu erheben und ihre Bestimmung darin zu suchen, sich als Teile der Menschheit zu fühlen. So verhindern wir es. daß die Nationen ihre Ehre preisgebea! Und uns, die wir den ethischen Ehrbegriff schufen, wodurch wir jedem Einzelnen Rechtsgleichheit und Gesetzesschutz verbürgten, uns, denen der Ruhm gebührt, mit verschwenderischer Fülle ideale Schatze ausgeteilt und uns stets in den Dienst der Allgemeinheit gestellt zu haben, schleudert man noch oft den Vorwurf ins Gesicht, es fehle uns das rechte Gefühl für Ehre, uns will man noch vielfach außerhalb des Gesetzes, außerhalb der Gesellschaft stellen, zu Parias stempeln. Das ist die große Schicks als trag öd ie der Judenheit! Aber unsere Leistungen und unsere Ehre bilden eine Einheit. Man kann nicht einen Stamm erniedrigen und seine Literatur Hochhalten, sein Schrifttum verhimmeln und das Volk, das dieses Schrifttum geschaffen, brandmarken;