Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Die Ehre und das Judentum
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 14 (sequence 14)
- Language
- German
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14 Im deutschen Reich wahren Wert vom falschen unterscheiden. Auch für seine Person hat er ein reineres Gefühl für Ehre, als man ihm gewöhnlich zutraut, und er ist von manchen politischen Vorurteilen frei, die wir nur mit Mühe oder gar nicht ablegen." Diese Aeußerung Herders ist um so bemerkenswerter, weil sie zu einer Zeit erfolgte, als die deutschen Juden ihre Sprache und ihr Aeußeres vernachlässigten. Wo wird die Familienehre so hochgehalten, wie in unseren Reihen? Und wie muß das Gefühl für Stammesehre schon in nebelgrauer Vorzeit alle Schichten des jüdischen Volkes durchdrungen haben, wenn anläßlich eines schweren Schlages, der das jüdische Volk in der R-chterzeit traf, eine Frau nach dem Berichte der Schrift ihre Seele mit dem Seufzer aushaucht: J Kabod „hie ist die Ehre!" Den größten Ruhm eines jeden Stammes wacht seine Kulturarbeit im Dienste der Menschheit aus. Wir waren es, die der Menschheit die hehrsten Ideen und segensreichsten Einrichtungen geschenkt haben. Israel ist der Atlas, der auf seinen Schultern der Welt den Himmel gebracht _h at. Aber sein Rücken ist nicht gekrümmt, hocherhobenen Hauptes kann es durch die Hallen der Weltgeschichte schreiten. Mag man uns, wenn auch zu Unrecht, manche Leistungen aberkennen wollen, eins wird man uns nie und nimmer bestreiten können: unfern Einfluß auf den Bildungsgang und auf die Erziehung der Menschheit. Reißt ihr Völker aus eurer Brust die Spuren jüdischen Geistes, wenn ihr es könnt! Diese Spuren sind unverwischbar, diese Geistestaten bilden einen eisernen Bestandteil der allgemeinen Kultur und Geltung. Nicht nur in ihrer eigenen Literatur haben die Juden sich betätigt. Sie haben sich überall auch als Gelehrte und Künstler, Schriftsteller und Journalisten, Aerzte und Rechtsanwälte, Kaufleute und Industrielle, Poliliker und Staatsmänner hervorgetan. Es gibt kein Gebiet menschlicher Berufstätigkeit, auf dem Juden nicht ihre Ehre daran gesetzt hätten. Tüchtiges und Gediegenes, zu leisten. Eine Erscheinung erfüllt uns mit besonderer Genugtuung, die Erscheinung, daß Juden in manchen Ländern, in erster Reihe in Deutschland, im Ehrendienst städtischer Behörden und anderer Körperschaften stehen. Ist es nicht ein Zeichen von Idealismus, wenn man trotz vielfacher Verkennung Kraft und Muße treu und selbstlos der allgemeinen Wohlfahrt weiht?