Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Die Ehre und das Judentum
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 12 (sequence 12)
- Language
- German
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Im deutschen Metch. t2 Zeichnung der innersten Werte, die es überhaupt geben kann. So setzt die hebräische Sprache Ladoä auch für Menschenseele und das Wesen Gottes. Eine der großartigsten Szenen der Bibel, die nebenbei bemerkt, den Vorwurf, als sei das Judentum im Gegensatz zum Buddhismus arm an metaphysischen Problemen, entkräftet, ist jene Szene, in der unser Meister Moses einen, wenn auch nur einen einzigen Blick in das W'ftn Gottes werfen möchte. Er weiß, daß dieser eine Blick alle Rärhsel und alle Widersprüche lösen würde. Und was spricht er da? „Zeige mir doch deine Ehre!" Dies ist jedoch nicht nur ein glänzendes Zeugnis für den sprachschöpferischen Genius des Judentums, sondern auch für seine Denkart. Denn daß die Sprache des Heils Ehre, Menschenseele und GoLteswesen mir ein und demselben Worte bezeichnet, beweist, daß nach jüdischer Anschauung das Innerste der eigentliche Quell der Ehre ist. Ein Wort im Neuhebräischen: lischmoh ist ein Gefäß köstlichen Inhalts. Es bezeichnet die Autonomie der Sittlichkeit, den Nerv der jüdischen Ethik. Es ist die freie, liebevolle, selbstlose Tat, ohne Erwartung von Dank und Lohn, von irgend einer Gegenleistung. Das ist nach unseren religiösen Urkunden die wahre Ehre! So erfreulich es auch ist, daß manches in der heutigen Auffassung von der Ehre als Niederschlag jüdischer Ideen erscheint, so müssen wir es doch andererseits bedauern, daß die Vorstellungen der heutigen Gesellschaft von wahrer Ehre, so manches Gute sie auch in der Geschichte bewirkt haben mögen, noch hinter dem jüdischen Ideal zurückgebliebene sind. Den modernen Menschen schmerzt nichts so tief, wie Verkennung. Aber die schwächliche Sehnsucht nach Anerkennung macht besonders empfindsam und reizbar. Und in der Tat ist eine gewisse, krarrkhafteReizborUit dasKennzeichen des heutigen Ehrempfindens. Die kleinste Mißachtung kann schon tötlich verwunden. Zu allem bringt der moderne Mensch Kraft auf, nur nicht dazu, die Geringschätzung geringzuschätzen. Und doch, welch eine Befreiung wäre es für Eltern und Erzieher, für uns alle, ob wir in der Öffentlichkeit oder im Stillen wirken, wenn wir erhaben über Dank und Undank, über Anerkennung und Verkennung wären! Man wäre vor vielen Enttäuschungen bewahrt und erst recht empfänglich für jede freundliche Erfahrung: man lebte in Unabhängigkeit und Größe und doch aufs engste mit unseren Nebenmenschen verbunden! Aber wir leben ja im Zeio