Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Die Ehre und das Judentum
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 11 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Ehre und das Juden turn. 11 arte. Schon in der Bibel wird darauf hingewiesen, wie es auch auf diesem Gebiete auf das Maßhalten ankommt. Und manch talmudisches Wort ist mit Recht ein geflügeltes geworden, nicht nur, weil es Erfahrungstatsachen ausspricht, sondern weil es die Psychologie der Ehrsucht treffend kennzeichnet. Manche Aussprüche in Mischna und Talmud bezwecken nichts anderes, als einen Einklang Zwischen den Stimmen in und denen um uns herbeizuführen, alles vor das Doppelrichteramt des eigenen Gewissens und das Urteil der Umgebung zu bringen, um in dieser Harmonisierung eine ausreichende Bürgschaft für das rechte Verhalten zu gewinnen. Da wird der Beifall der Außenwelt deshalb als erstrebenswertes Gut hingestellt, weil er als Bestätigung der Innenwelt verwertet werden kann. Schon den Weisen unseres Altertums war die Erfahrung nicht unbekannt, daß der Gedanke, Ehren zu erlangen, zu edlen Taten veranlassen und man später so viel Gefallen daran finden kann, daß man sie aus reiner Liebe zur Tugend übt. So lassen unsere Denker den Ehrgeiz als Vorstufe, als Mittel zu höherem Zwecks niemals aber als Selbstzweck gelten. Das Judentum verweist den Menschenwert nicht ins Jenseits sondern gibt ihm im Diesseits breiten Raum zur Entfaltung. Es will die Triebe nicht töten, sondern nur ordnen und läutern; es will keine Tugend ausschalten, sondern nur vor ihren Fehlern warnen. Denn auch die Lugenden können ihre Fehler haben. Deshalb weckt es einen berechtigten Ehrgeiz, den es auf schätzbare und wohlgeordnete Gegenstände lenkt; deshalb flößt es Ehrliebe ein, ohne sie sedoch in Ehrsucht und Eitelkeit ausarten zu lassen. Indem aber das Judentum aus dem Gebiete des Ehrmesens sich vor jeder Uebertreibung und lleberspanntheit fernhält, erweist es sich kultursördernd. Als Kultur- und Erziehungssakror unterdrückt das Judentum nicht die äußere Ehre, sondern widmet ihr große Sorgfalt. Aber bei alldem wendet es immer wieder den Maßstab von außen nach innen. Beweis dessen der sprachliche Ausdruck. Das Wort Kabod hat ursprünglich Habe, Reichtum bedeutet. Zuerst galt also Besitz, ein äußeres Gut, das wohl in den meisten Fällen durch persönliche Tüchtigkeit erworben und erhalten wird, aber doch nicht in der Persönlichkeit selbst Liegt, als Ehre. Aber es hatte nicht dabei sein Bewenden. Das Wort hat seine ursprüngliche Bedeutung eingebüßt und sich durchgerungen zur Be-