Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Die Ehre und das Judentum
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 IM deutschen Reich. Leidenschaften abgesondert betrachten, so finden wir, daß sie eigentlich langsam in ihren Entschlüssen und matt in der Ausführung derselben ist. Ohne Ehrtrieb wäre die Erreichung höherer Leistungen, wirtschaftlicher sowohl wie geistiger, kaum denkbar. Die Rücksicht auf Ehre und Schande ist es, die die Trägen gleichsam überlistet und sie gegen ihre natürliche Neigung auf eine nützliche und rühmliche Lausbahn drängt. Wie viele Großtaten wären ungeschehen geblieben, wenn sie nicht aus diesem Motiv entsprungen wären! So erweist sich der Ehrgeiz wertvoll als Stachel und Sporn. Aber es kann auch keiner von allen Trieben für die Gesamtheit verhängnisvoller werden, als der Ehrgeiz, wenn er die Zügel gleiten läßt und die Schranken durchbricht. Wie viel Unheil ist schon über die Welt hereingebrochen, weil Herrschsüchtige, von brennendem Ehrgeiz verz> hrt, über Tränen und Leichen sich den Weg gebahnt. Inwieweit ist der Ehrgeiz berechtigt und wann hört er auf eine Tugend zu fein? Dieselben Leute, die für die Gebote des Gewissens taube Ohren haben, folgen ihnen ohne weiteres, wenn sie an das . Urteil der Welt denken. Was die Sittlichkeit selbst nicht vermag, das bringt die Sitte zustande. Auch da ist es die Rücksicht auf Ehre und Schande, die auf dem Pfade der Tugend erhält. Aber in der fügsamen Nachgibigkeit gegen die allgemeine Meinung kann der Einzelne leicht sein Selbst verlieren. Wie soll man sich dem Urteile der Welt unterwerfen, ohne ihr Sklave zu werden-? Diese beiden Angelpunkte der Ehre behält das Judentum stets im Auge und löst dadurch alle Schwierigkeiten, daß es Grenzen festsetzt und ein Maß bestimmt. Es hält den Menschen für ein soziales Wesen, das auf eine Uebereinstimmung mit den anderen für die Dauer nicht verzichten kann. Deshalb ist es ein Gebot der jüdischen Sittenlehre, die Meinung unserer Nebenmenschen hochzuhalten und vor ihnen nicht nur gerecht zu sein, sondern auch gerecht zu scheinen. Dabei kennt unsere Lehre nicht die Doppelmoral, die übrigens immer einfach unmoralisch ist. Aber schon wegen der Macht des Beispiels wird eingeprägt, auch auf den Schein zu achten, und ein „guter Name" wird in unserem Schrifttum als herrliches Diadem in vielen Tonarten gepriesen. Dabei aber richtet das Judentum auch darauf fein Augenmerk, daß diese berechtigte Ehrlisbe nicht in Ehrsucht aus-