Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 14 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Die Ehre und das Judentum
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Ehre und Las Judentum. 9 leidigung gerichtlich festzustellen, so kann doch zwischen der Schwere der Verletzung und der Größe des Strofausmaßes ein Mißverhältnis entstehen« Das beleidigte Gefühl kann eben unmöglich abgeschätzt werden. Zweck besseren Schutzes der äußeren Ehre wird vielfach der weitere Ausbau der Gesetze angestrebt. In der vorletzten Nummer der »Woche" führt Ernst v. Wildenbruch Klage über die Zunahme der Angriffe auf die Ehre anderer, und er schlägt die Selbsthilfe, namentlich das Duell vor. Wenn ein Mann wie Wildenbruch im 20sten Jahrhundert den Rest barbarischer Zeiten zu verteidigen, ja zu verherrlichen für nötig findet, so ist das nicht nur ein trauriges Zeichen für die Verwirrung der sittlichen Begriffe, sondern auch für das Bedürfnis, irgend ein wirksames Mittel zum Schutze der persönlichen Ehre ausfindig zu machen. Aber diese Vorschläge, oder die Verschärfung der geltenden gesetzlichen Bestimmungen dürften kaum eine Besserung herbeiführen; denn die Schonung der Ehre ist weniger eine Frage des Strafrechts als vielmehr eine Frage der Pädagogik und der Gesittung. Die jüdische Sitrenlehre steht eben auf diesem Standpunkte. Unsere biblische und nachbiblische Literatur ist unermüdlich im Ausrichten von Dämmen und Wehren zum Schutze der Ehre, die aber weniger in Strafen und in Vergeltung bestehen als vielmehr in der Beeinstussung der Gesinnung durch Grundsätze und Beispiele. Die Vorschriften gipfeln in dem Gebote aus dem ersten Jahrhundert: »Die Ehre Deines Genossen sei Dir ebenso teuer wie Deine eigene!" Die übrigen Vorschriften sind einerseits von solcher Schärfe und andererseits von solcher Zartheit, wie wir sie sonst nirgends finden. Wie sirgt doch ein jüdischer Dichter des Mittelalters: »Durchsägt wächst noch der Baum, der schwerste Schlag wird verschmerzt, doch nimmer schließen sich die Wunden, die eine Zunge schlug dem Herzen." Darum bildet die »böse Zunge" eine ständige Rubrik in unserem Schrifttum, als ob zu deren Gei,elung nicht genug geschehen könnte. Fortwährend ertönen Mahnrufe zum vorsichtigen und weisen Gebrauche der Sprache und zur Milde des Urteils. Durch den sozialen Charakter seiner Ethik, durch die starke Betonung des Diesseits und durch die Kenntnis, Berücksichtigung und Veredelung der Menschennatur hat das Judentum die gefährlichsten Klippen des Ehrproblems glücklich umsegelt. Wenn Dir nämlich die Seele für sich allein, von allen Trieben und