Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1908-01-01 · Heft 1 (Januar 1908) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
14 (1908)
Issue
Heft 1 (Januar 1908)
Article
Die Ehre und das Judentum
Date
1908-01-01
Page
5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316766-2316768-2339356--17232-2339424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2)re Eyre und das Judentum. 5 oder auf welcher Sprosse der gesellschaftlichen Stufenleiter derjenige sich befindet, der die Gunstbezeugung zu vergeben hat. Es handelt sich La nicht blos um ein ideelles Gut, sondern oft auch um die unentbehrliche Voraussetzung für Erwerb und Beruf. Da die Ehre den gesellschaftlichen Wert ausmacht, gehört sie gleich dem Eigentum zu den Rechten, deren Schädigung und Wahrung Gegenstand legislatorischer Maßregeln und demnach auch der Rechtspflege ist. — So hat auch die Ehre ihre Epochen und Schicksale! In die Darstellung ihres Wesens und ihrer Entwickelung teilen sich drei Wissenschaften: die Ethik, die Soziologie und die Rechtswissenschaft. Von besonderem Reize ist es, die Ehre im Spiegel der Dichtung zu betrachten, haben doch Dichter für die Vorzüge und Schwächen der Gesellschaft einen besonders scharfen Blick. Dieser Stoff war zu mancher Zeit der Lieblingsvorwurf der Dichtung. Manche ihrer Schöpfungen sind nichts anderes als eine in Handlung dargestellre Auffassung unseres Thomas- Merkwürdigerweise finden sich verhältnismäßig nur wenige Erklärungen dieses Begriffes, so häufig auch die Ehre genannt und angerufon wird. Das beste Lustspiel von Lessing enthält eine Auseinandersetzung über unseren Gegenstand zwischen Minna von Barnhelm und Major Tellheim. Dieser ist der Bestechung verdächtig, deshalb mit der Welt zerfallen und will nichts von Freundschaft und Liebe wissen. Die Entgegnung von Minna, daß er wegen seiner Milde und Großmut von ihr und ihren Landsleuten hochgeehrt werde, macht auf ihn keinen Eindruck. Er betrachtet den guten Leumund als das einzig Begehrenswerte. als das Ausschlaggebende. Darum sagt er: „Tie Ehre ist nicht die Stimme des Gewissens, nicht das Zeugnis weniger Rechtschaffenen, sondern „bie Ehre ist die Ehre!" Dagegen läßt der große Brite Falstaff ausrufen: „Ehre ist nichts, als ein gemalter Schild beim Leichenzuge." Jnbezug auf die äußere Ehre pflichtet ihm Calderon bei. Ergreifend ruft Don Juan im „Maler seiner Schmach" aus: „Weh über den, der ein solch Gesetz gegeben!" Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangt auch Sudermann in seinem bekannten Schauspiel. Er führt uns darin Personen aus einem Berliner Vorder- und Hinrerhause, sowie die dort herrschenden verschiedenen Ehrausfafft ngen vor. Er hält die äußere Ehre für wertlos, für eine Illusion. Er sagt: „Es gibt gar keine Ehre. Was wir gemeinhin Ehre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.