Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-12-01
- Page
- 683 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316765--17101-2339264- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 683 Angriffe, die aus Anlaß der Verteidigung Hardens,- durch den süddeutschen Rechtsanwalt vr. Bernstein gegen diesen gerichtet wurden, dem man es nicht nur verübelte, daß er dem gräflichen Prozeßgegner gegenüber sein Temperament nicht zügelte und eine süddeutsche Derbheit zeigte, sondern, daß er überhaupt die Prozetzführung übernommen hatte. Daß unmittelbar darauf derselbe christliche Rechtsanwalt, der als beständiger Kandidat der antisemitischen Bürgerpartei bei Reichstags- und Stadtverordnetenwahlen neuerdings weiteren Kreisen bekannt geworden ist, als Verteidiger des unglückseligen JournalistenBrandt fungierte, der für eine schnöde Verleumdung des Reichskanzlers Fürsten Bülow zu längerer Gefängnisstrafe verurteilt worden ist, ficht die judenfeindliche Presse in keiner Weise an. Wenn zwei das gleiche tun, gilt es auch der „Kreuzztg." nicht als dasselbe. Die Deutsche Tageszeitung" hat an dem ehemals jüdischen Verteidiger Hardens einen noch größeren Fehler entdeckt; er soll sich angemaßt haben, »die Ehre der deutschen Frauen zu wahren", dabei aber hat er der ehemaligen Gattin des Grafen Moltke nicht die schmachvolle Erniedrigung erspart, an öffentlicher Stelle von den innerlichsten Angelegenheiten Zeugnis abzulegen. Das antisemitische Agrarierblatt scheint nicht zu wiffen oder will nicht wissen, daß diese geschiedene Frau aus eigenster Initiative zu ihren Aussagen gekommen ist. In keinem Falle aber hat Gras Moltke, wie die »Deutsch sozialen Blätter" zu behaupten wagten, »talmudischen Adookatenkniffen" wehrlos gegenüber gestanden. Ob Moltke ganz unschuldig gekränkt worden ist, wird sich erst hexausstellen müssen. Die Antisemiten möchten natürlich nach oft befolgtem Rezept die öffentliche Aufmerksamkeit von der in ihren Kram nicht passenden Angelegenheit auf die bösen Juden ableitett. Die Pückler-Bereiuigung veranstaltete am 7. November im Luisenstädtischen Konzerthause eine öffentliche Volksversammlung, in der der Adjutant des Grafen Pückler, Friedrich Weißenborn, über den Moltke-Harden-Prozeß referieren und gegen die »jüdischen Schmierfinken" eisern wollte, die »sich als Retter des Vaterlandes aufspielen!" In der »Wahrheit" des antisemitischen Abg. Wilhelm Bruhn wurde dieselbe antisemitische Methode mit Behagen verfolgt.