Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Der Nationalstaat und die Minoritäten
- Date
- 1907-12-01
- Page
- 676 (sequence 12)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. 676 immer leicht und wir alle, die wir die Pflicht der Selbstkritik üben, wissen, daß dies in der Gegenwart schwieriger ist als früher; aber diese Schwierigkeiten lassen sich von jeder Gemeinschaft überwinden, welche noch nicht zu den in das Greifenalter eingetretenen und darum dem baldigen Tode verfallenen Gruppen gerechnet werden will. Gerade mit Bezug auf die jüdische Minorität sind in den letzten Jahren, nachdem die antisemitische Bewegung andere, nach meiner Ansicht aber nur gefährlichere Formen angenommen hat, auch von wohlwollender Seite ernste Zweifel laut geworden, ob sie noch im stände sein werde, diesen Kampf erfolgreich bis zu Ende zu führen, der genau genommen, keiner Minorität erspart blieb. Aus der statistisch leider nicht zu bestreitenden Tatsache, daß die Volksvermehrung der Juden in Deutschland stagniert, hat man den Schluß gezogen, daß die jüdische Minorität müde, sterbensmüde geworden sei. Ahasver ist von der ewigen Wanderung ermattet und entkräftet, er sehnt sich nach Ruhe und wäre es auch nur nach dem ruhigen Tod — in dem Lande seiner Väter. Diejenigen, welche so urteilen, verallgemeinern gewisse Vorkommnisse, denen eine allgemeine Bedeutung nicht zukommt, sie legen zeitweiligen Stimmungen, denen sich auch die Gesamtheit nicht immer entziehen kann, eine übertriebene Wichtigkeit bei und verkennen vor allem die psychologischen Faktoren, welche bei dem Kampfe der Minorität eine ausschlaggebende Rolle spielen. Die jüdische Minorität von heute gleicht keineswegs dem Ahasver der Säge, sie ist weder alt noch müde, und sie läßt sich auch nicht durch Enttäuschungen und momentane Niederlagen in ihrer sittlichen Pflicht beeinflussen, die sie auf den Kampf um die rechtliche und soziale Gleichberechtigung hinweist. Und wenn der Erfolg nicht in Jahrzehnten, wenn er nicht in einem Menschenalter ei> ungen wird, wennn, keiner von uns allen mehr, die wir als! Kämpfer in Reih und Glied, jeder in seiner Weise tätig sind,;j die Morgenröte der besseren Zeit erlebt, was tut es? Die j Minorität arbeitet nicht für den Augenblickserfolg, sondern für | den dauernden, nicht nur für die lebende Generation, sondern für § alle, die an der steigenden Größe des Vaterlands mitzuarbeiten berufen sind. Vor wenigen Monaten haben wir in Deutschland das J Andenken eines Mannes gefeiert, welcher wie wenige dafür E gekämpft hat, die Zurücksetzung der jüdischen Minorität in Deutsch-