Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Der Nationalstaat und die Minoritäten
- Date
- 1907-12-01
- Page
- 675 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Nationalstaat und die Minoritäten. 675 für die objektive Beurteilung ke>n Zweifel obwalten, die moralstatistischen Ergebnisse der jüdischen Minorität in Deutschland sind immer noch als hervorragend günstige zu bezeichnen. Der Widerspruch zwischen dem Rechtszustand, der den Minoritäten zustehen sollte und demjenigen, der ihnen tatsächlich zusteht, ist vielfach ein überaus großer, fast so groß wie der Gegensatz zwischen der wirklichen Gerechtigkeit und jener idealen Gerechtigkeit, die uns allen, die wir uns noch etwas von dem idealistischen Gedankenflug bewahrt haben, der in der Zeit nationaler Ohnmacht und Zerrissenheit das beste Besitztum unserer Väter war, gleich einem leuchtenden Götterbild aus weiter, weiter Ferne entgegenstrahlt. Was können und was sollen die Minoritäten nun tun, um das zu bekommen, was ihnen nach Recht gebührt und was ihnen zu Unrecht verweigert wird? Sie können nichts anderes tun als was der einzelne tut, wenn ihm sein Recht verweigert wird, sie müssen den Kampf ums Recht kämpfen, diesen wahrhaft großen, die besten Empfindungen in uns auslösenden Kampf, der in der Weltliteratur noch keine seiner ganz würdige Darstellung gefunden hat. Ist der Kampf schon für den einzelnen sittliche Pflicht, wie vielmehr für die soziale Gruppe! Menschlich ist verständlich, wenn der einzelne schließlich in seinem Kampf ums Recht erlahmt, wenn er ermüdet und resigniert zusammenbricht und an dem Sieg der Gerechtigkeit verzweifelt, menschlich, begreiflich, weil die Heroen die Ausnahmen sind, nicht am wenigsten in dem Zeitalter der Heroenkultur und des Heroengötzendienstes. Die soziale Gruppierung aber darf nicht erlahmen und nicht müde werden, für sie gibt es keine Resignation und auch keine Verzweiflung an dem Siege des Rechts, für sie muß jede Niederlage das Sprungbrett zum Siege sein, für sie gibt es nur den Kampf, bis der Sieg errungen ist. Noch immer hat in der Geschichte die zielbewußte Führung dieses Kampfes den Minoritäten ihr Recht erbracht, noch immer hat sich auch in dieser Hinsicht die Wahrheit des griechischen Sprichwortes erwiesen: Gottes Mahlen mahlen langsam, aber sie mahlen. Neben diesem Kampf, den die Minoritäten nicht nur um ihretwillen, sondern auch im Interesse der ganzen Nation führen, werden sie aber sorgfältig darauf achten müssen, sich die günstige Stellung in moralstatistischer Hinsicht nicht nur zu erhalten, sondern sie sogar noch zu verbessern. Es ist dies nicht